Interview mit Abdellatif Kechiche

Wir haben den Regisseur Abdellatif Kechiche am 7. Dezember 2013 in Berlin getroffen, um mit ihm über seinen Film BLAU IST EINE WARME FARBE zu sprechen.

Sie haben den Comic ja sehr frei adaptiert. Worauf haben Sie verzichtet, was haben Sie geändert und vor allem warum?

Ich habe erst einmal den Charakter der Adèle verändert und das hat dann letztendlich alles verändert. Auch das Ende habe ich angepasst und die Geschichte an sich ebenso. Aber ein Comic besteht nur aus Zeichnungen, es gibt keine Dialoge. Alles, was dort an Inhalt drin steht, macht nicht mehr als zwei Seiten aus und daher muss das jetzt ausgebaut werden. Ich hatte bereits eine Figur von Adèle entworfen, lange bevor ich diesen Comic entdeckt habe. Dabei handelte es sich um die Figur einer Lehrerin, die widerum auf einer Figur basiert, die ich bereits im meinem Film L’ESQUIVE verwendet habe. Diese Figur wollte ich gerne weiter ausbauen und zeigen, was mit ihr in ihrem Leben geschieht, welchen Problemen sie sich gegenüber sieht, aber dass sie ihre Aufgabe als Lehrerin trotzdem weiter erfüllt. Dass ich dann auf den Comic gestoßen bin, war eher ein Zufall.

Im Comic gibt es eine Szene, die nicht im Film vorkommt, die vom Streit Adèles mit ihren Eltern handelt. Adèle Exarchopoulos hat im Interview gesagt, dass die Szene sogar gedreht wurde, aber warum ist sie im Film nicht mehr enthalten?

Das Problem an dieser Szene war einfach, dass die Homosexualität so viel Raum eingenommen hat, dass das beim Zuschauer dazu hätte führen können, eine Distanz zur Figur zu entwickeln. Ich empfand die Szene einfach als zu militant für den Film. Meiner Meinung nach ist die beste Art und Weise, über Homosexualität zu reden und einen Diskurs darüber zu führen, sie in den Hintergrund zu rücken und zu banalisieren. Daher habe ich mich dazu entschieden, die Szene im Film nicht mehr so zu verwenden, wie sie gedreht wurde.

Wenn es einen Director’s Cut geben sollte, wäre die Szene dann darin enthalten?

Ich finde, wie bereits gesagt, dass die Szene dem Film nicht dient. Es gibt eine längere Version, die irgendwann im Fernsehen laufen soll, aber auch darin wird man sie nicht sehen.

Welche Szenen sind dann in dieser Fassung erweitert?

Mehrere, – (lacht) – die im Übrigen auch nicht im Comic vorhanden sind. Es gibt im Film natürlich Szenen, die gekürzt sind. Szenen, die länger gedreht worden sind und die dann ausführlicher zu sehen sein werden.

Sollte die Rahmenhandlung um Adèles Tod aus der Comicvorlage im Film bewusst vermieden werden, damit der Film nicht allzu tragisch wird und viel mehr die Schönheit der Liebe betont?

Nein, denn ich habe die Figur ja eh schon verändert und ich empfand es als nicht notwendig, das wieder mit aufzunehmen. Ansonsten würde man denken, dass das Scheitern der Liebe das Wichtigste sei. Und das sehe ich ganz anders. Ich finde, dass die Figur der Adèle durch ihr Überleben größer wird und sich entwickeln kann. So kann sie am Schluss ihren Weg anders gehen.

Der Film beginnt und endet ja damit, wie Adèle läuft und welchen Weg sie geht. Am Anfang ist sie noch recht ungeschickt und relativ unwohl in ihrem Körper. Aber am Ende läuft sie aufrecht und hat etwas überwunden. Ich finde, dass die Liebe etwas ist, das die Menschen bereichert und nicht vernichtet, tötet oder paralysiert. Im Gegenteil: Adèle ist durch das Scheitern gewachsen.

Der Realismus, den wir sehen – gerade in der Darstellung der Adèle – ist faszinierend und man sieht mittlerweile dadurch andere Filme und Schauspielleistungen in einem ganz neuen Licht. Glauben Sie, dass andere Regisseure die Art und Weise, wie Sie diesen Film gemacht haben, vielleicht adaptieren könnten?

Ich glaube es nicht, denn jeder Regisseur muss im Endeffekt seinen eigenen Rhythmus und Weg finden, Geschichten zu erzählen. Abgesehen davon ist man natürlich beeinflusst von anderen Filmemachern. Aber es ist eine sehr komplexe Geschichte, etwas zu verstehen, etwas zu wissen oder die Art, wie man Kino macht, was man sich wünscht, was man mit einem Film erreichen möchte. Natürlich gibt es große Filmemacher, die ich sehr bewundere und deren Theorie des Kinos mich fasziniert. Beispielsweise François Truffaut, der sehr schöne Definitionen über das Kino geschrieben hat und der gesagt hat, dass ein Film wie ein Nachtzug sein und einen Rhythmus haben müsse, der an Ernst Lubitsch erinnert. Lubitsch ist im Übrigen auch jemand, den ich sehr bewundere. Aber letztendlich muss man dennoch seinen eigenen Weg finden und sollte niemanden imitieren, was einen jedoch nicht davon abhält, Vorbilder zu haben.

Das Zitat von Truffaut habe ich deshalb genannt, weil ich lange vor meinem ersten Film versucht habe, genau so zu sein – und meinen Film wie ein Zug in der Nacht werden zu lassen. So habe ich versucht, mich diesem Ideal zu nähern, aber ich empfand das, was ich schrieb, dann als sehr künstlich. Daher war ich der Meinung, dass man die Theorie verändern muss. Und so ist ein Film für mich nicht wie ein Zug in der Nacht, sondern eher wie eine Kamelkarawane in der Wüste.

Ist dann BLAU IST EINE WARME FARBE ein Kamel in der Wüste?

Vielleicht eher ein Beduine als ein Kamel. (lacht)

Ich denke, dass die Sexszenen genau so, wie sie im Film sind, richtig sind und den Film in seiner Intensität unterstützen. Was entgegnen Sie aber Kritikern, die behaupten, sie wären zu exhibitionistisch bzw. zu voyeuristisch?

Da das nicht Ihre Meinung ist, werde ich nicht darauf antworten. Wenn Sie mich aber jetzt mit einer anderen Meinung konfrontieren würden, dann würde ich darauf eingehen.

(Ich habe mich dazu entschieden, diese Aussage so im Raum stehen zu lassen)

Nicht nur die Sexszenen sind sehr intensiv, sondern auch die Essensszenen. Wie gehen Sie an diese heran?

Damit solche Szenen überhaupt funktionieren, muss man gewisse Parameter schaffen. Ich verlange beispielsweise von meinen Schauspielern, dass sie wirklich Hunger haben und wirklich Lust haben, etwas zu essen. Daher bitte ich sie, am Abend vorher zu fasten, damit sie dann am nächsten Morgen wirklich Appetit haben. Wenn sie dann keinen Hunger mehr haben, dann breche ich die Szene ab und drehe sie am nächsten Tag weiter. Genauso gehe ich im Übrigen auch die Liebesszenen an.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass der Film in der kommenden Award-Season den einen oder auch mehrere der großen Preise bekommen könnte? Wie groß schätzen Sie die Lobby in Hollywood ein, um das zu erreichen?

Der Film ist ja gar nicht nominiert, bzw. kann gar nicht mehr nominiert werden, weil er nach dem 30. September herausgekommen ist.

(lacht)

Nein, aber abgesehen davon finde ich den amerikanischen Umgang mit diesen Preisen sehr gesund, weil er ziemlich transparent und offen ist und man ganz genau weiß, wer wählt. Und weil man dadurch auch weiß, wie man filmen muss, um gewählt zu werden. In Frankreich bei den Cèsars weiß man eben nicht so genau, wer im Endeffekt die Entscheidung getroffen hat und warum. Zumindest ist das in den letzten Jahren so gewesen.

Was sind Ihre nächsten Projekte? Ist dabei schon etwas, über das Sie reden können?

Ich arbeite gerade an mehreren Projekten, von denen ich glaube, dass sie in Zukunft realisiert werden können. Eines liegt mir dabei aber schon seit Jahren sehr am Herzen. Dabei geht es um einen Philosophen des 12. Jahrhunderts – Abealard (und Eloisa) – der in Deutschland wahrscheinlich bekannter ist als in Frankreich.

Vielen Dank für da Interview.

Comments Closed

Kommentare sind geschlossen.

Filmplakat

Weitere Interviews

Die Schule der magischen Tiere

Mit DIE SCHULE DER MAGISCHEN TIERE kommt wieder mal ein Film für jüngere Generation in die Kinos, der vielleicht auf den ersten Blick wie „Harry Potter für Fußgänger“ aussieht, am Ende aber doch mit Witz, Charme und toller Botschaft überzeugen kann. Und kein Geringerer als Pop-Superstar Sasha steuert den Titelsong bei…  Weiterlesen

Nahschuss

Der Wissenschaftler Dr. Werner Teske war 1981 der letzte Mensch in der DDR, der zum Tode verurteilt und durch einen „überraschenden Nahschuss“ (so nannte man das damals) in den Hinterkopf hingerichtet wurde. Regisseurin und Drehbuchautorin Franziska Stünkel nahm diesen authentischen Fall zum Anlass, um mit NAHSCHUSS einen aufwühlenden, bitterbösen Film über einen Unrechtsstaat mitten in […] Weiterlesen

Gaza Mon Amour

Mit ihrem zweiten Film GAZA MON AMOUR lassen uns die Regie-Zwillinge Arab und Tarzan Nasser in die unbekannte Welt des Gaza-Streifens eintauchen. Eine Welt, die nicht nur unter der Blockade Israels leidet, sondern auch unter ihrer eigenen islamistischen Regierung. Wirtschaftliches Elend, Bombenangriffe, Angst und Unsicherheit prägen das Bild der dort lebenden Menschen.  Weiterlesen

Astronaut

Sein ganzes Leben lang hat der pensionierte Straßenbauingenieur Angus Stewart (Richard Dreyfuss) davon geträumt, als Astronaut ins All zu fliegen. Nun, mit 75 Jahren, rückt die Erfüllung seiner Sehnsucht plötzlich noch einmal in greifbare Nähe: Im ersten kommerziellen Weltraumflug des visionären Selfmade-Milliardärs Marcus Brown (Colm Feore) soll ein Freiflugticket über einen nationalen Wettbewerb vergeben werden. […] Weiterlesen

Onward – Keine halben Sachen

Früher war die Welt voll Zauberei und Magie… Aber Zeiten ändern sich! So auch in New Mushroomton, einer ganz normalen Kleinstadt, in der Elfen, Zwerge, Riesen, hyperaktive Haustier-Drachen, wenig glamouröse Einhörner und andere Fabelwesen völlig normal ihren Alltag verbringen. Mit Handys, Autos und allen anderen Annehmlichkeiten, doch leider so ganz ohne Magie, die ist nämlich […] Weiterlesen

Sorry We Missed You

Ricky (Kris Hitchen), Abby (Debbie Honeywood) und ihre zwei Kinder leben in Newcastle. Sie sind eine starke, liebevolle Familie, in der jeder für den anderen einsteht. Während Ricky sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt, arbeitet Abby als Altenpflegerin. Egal, wie sehr die beiden sich jedoch anstrengen, wissen sie, dass sie niemals unabhängig sein oder ihr eigenes Haus […] Weiterlesen

Milchkrieg in Dalsmynni

Inga (Arndís Hrönn Egilsdóttir) und ihr Mann (Hinrik Ólafsson) betreiben in der isländischen Provinz eine kleine, hochverschuldete Milchfarm. Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes will Inga ihrer beruflichen Misere ein Ende setzen. Die Schuldigen für die Probleme hat sie längst ausgemacht: die lokale Kooperative, die ihre Monopolstellung gnadenlos ausnutzt und die Bauern mit mafiösen Methoden […] Weiterlesen

Feedback – Sende oder stirb

Der kontroverse Late Night-Talker Jarvis Dolan („Atomic Blonde“-Star Eddie Marsan) erlebt die schrecklichste Nacht seines Lebens, als Maskierte sein Radiostudio stürmen. Den Eindringlingen ausgeliefert, muss er seine Live-Sendung nach ihren Anweisungen zu Ende bringen. Die Lage verkompliziert sich zusätzlich, als sein alter Weggefährte Andrew Wilde (Paul Anderson, „The Revenant“) ahnungslos ins Studio platzt. Jedes falsche […] Weiterlesen

Official Secrets

2003: Katharine Gun (Keira Knightley), Übersetzerin beim britischen Nachrichtendienst GCHQ, erhält ein streng geheimes Memo. Darin fordert der US-Geheimdienst NSA die britischen Kollegen auf, einige Mitgliedsstaaten des UN-Sicherheitsrats auszuspionieren. Der perfide Plan: belastendes Material zu sammeln, um eine Zustimmung zur UN-Resolution für den Irakkrieg zu erpressen. Katharine gerät in einen moralischen Zwiespalt, entscheidet sich aber, […] Weiterlesen

Die Eiskönigin 2

Die Schwestern Anna und Elsa genießen ihr ruhiges Leben in Arendelle. Bis eines Tages eine eigenartige Unruhe Elsa ergreift und eine geheimnisvolle Stimme sie in den Wald ruft, die ihr Antworten auf all ihre Fragen verspricht: Warum ist sie so wie sie ist, warum hat gerade sie magische Kräfte? Zusammen mit Anna, Olaf, Sven und […] Weiterlesen