Mit seinem Film IN LIEBE, EURE HILDE widmet sich Regisseur Andreas Dresen dem dunklen Thema Nationalsozialismus und seinem Widerstand und erzählt eindrucksvoll die Geschichte von Hilde und Hans Coppi. Und bevor wieder irgendjemand „nicht schon wieder“ stöhnt und die Frage in den Raum stellt, ob wir solche Filme wirklich noch brauchen: Ja. Ganz klar: Ja.
Berlin 1942. Hilde (Liv Lisa Fries) und Hans (Johannes Hegemann) sind verliebt und vergessen in ihrer Leidenschaft oft Krieg und Gefahr. Hilde bewundert Hans, wie er sich im Widerstand engagiert. Zwar ist sie eher zurückhaltend und schüchtern, beteiligt sich aber immer mehr an den Aktionen, die wir später als „Rote Kapelle“ kennenlernen werden. Es ist der Sommer ihres Lebens, doch der neigt sich urplötzlich dem Ende zu, als alle verhaftet werden. Dabei ist Hilde im achten Monat schwanger. Im Gefängnis bringt sie ihren Sohn zur Welt und entwickelt eine Kraft, die ihr niemand zugetraut hätte…
Als ich mit Andreas Dresen zu seinem letzten Film „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ sprach, lies er im Ausklang bereits andeuten, dass es in seiner nächsten Regiearbeit um die Widerstandskämpfer Hilde und Hans Coppi gehen wird, die in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurden. Dresen erzählt ihre Geschichte vom Kennenlernen bis zum schicksalshaften Tag in unaufgeregten, fast schon dokumentarischen Bildern und konzentriert sich dabei nahezu komplett auf die zwischenmenschliche Ebene. Dabei kann er sich voll und ganz auf seine Hauptdarstellerin Liv Lisa Fries verlassen, die die Rolle der Hilde Coppi beeindruckend mit Leben füllt. Kein Wunder, denn nach diversen Staffeln von „Babylon Berlin“ dürfte sie sich in dieser Zeit recht gut auskennen. Trotzdem gelingt des Fries, hier noch einmal eine Schippe draufzulegen und nicht mehr und nicht weniger als ihre bislang beste Schauspielleistung an den Tag zu legen.
Wer sich mit der „Roten Kapelle“ ein wenig auskennt, wird durch IN LIEBE, EURE HILDE sicherlich keine neuen Erkenntnisse gewinnen. Darum geht es aber auch gar nicht. Viel wichtiger ist es, die Erinnerungen an diese schreckliche Zeit nicht verblassen zu lassen.
Auch bei IN LIEBE, EURE HILDE hat sich Dresen wieder vollends auf seine Drehbuchautorin Laila Stieler verlassen. Zu recht. Wie es ihr gelungen ist, den Schrecken der Nazi-Zeit spürbar zu machen, ohne die Zeit zu betonen, ist bemerkenswert. Zu keinem Zeitpunkt sieht man irgendwelche schwarz-weiß-rote Flaggen mit Hakenkreuzen. Die Bedrohung ergibt sich fast ausschließlich über das, was man eben nicht sieht. Auch für die Erzählstruktur finden Stieler und Dresen eindrucksvolle Mittel: Während die Geschichte Hildes fortlaufend erzählt wird, zeigen Rückblenden die Vorgeschichte, allerdings in umgekehrter Reihenfolge. Das gelingt den Beiden sogar, ohne den Zuschauer zu verwirren. Chapeau!
Mit IN LIEBE, EURE HILDE ist Andreas Dresen erneut ein wunderbarer Film gelungen, der ein wichtiges Thema anpackt, ohne dabei die Handlung künstlich zu dramatisieren. Mit seiner sachlichen Beobachtung ist Dresen erneut am Puls der Zeit. Und wenn Schüler:innen heute sagen, dass ihre Generation nicht für die Greueltaten der Nazis verantwortlich sind, dann mag das vielleicht stimmen. Aber sie sind verdammt nochmal dafür verantwortlich, dass so etwas niemals wieder geschieht. Denn „nie wieder“ ist jetzt!
In Liebe, Eure Hilde (Deutschland 2024)
125 Minuten
Drama / Historie
Andreas Dresen
Laila Stieler
Liv Lisa Fries, Johannes Hegemann, Lisa Wagner, Alexander Scheer, Emma Bading, Sina Martens, Lisa Hrdina, Lena Urzendowsky, Hans-Christian Hegewald, Nico Ehrenteit, Jacob Keller, Tilla Krachtowil, Heike Hanold-Lynch, Fritzi Haberlandt
Pandora Film GmbH & Co. Verleih KG