Nach all dem, was in den vergangenen zwei Jahren in Israel und in Gaza passiert ist, kommt das Familiendrama IM SCHATTEN DES ORANGENBAUMS von Cherien Dabis zum richtigen Zeitpunkt in unsere Kinos. Der Film der in New York lebenden palästinensischen Regisseurin, die auch die weibliche Hauptrolle übernahm, erzählt die Geschichte Israels fast ausschließlich aus palästinensischer Sicht. Er ist ein konsequent politischer Film mit klarer Position, aber auch gleichzeitig das Porträt einer arabisch sprechenden Familie über drei Generationen – als Fremde im eigenen Land.
Die Familiensaga spannt einen weiten Bogen von 1948 (kurz vor der Gründung des Staates Israel) bis ins Jahr 2022. Die Schlüsselszene spielt 1988 im von Israel besetzten Westjordanland: Der palästinensische Teenager Noor (Muhammad Abed Elrahman) rennt „völlig losgelöst“ (man spürt geradezu seine ungebremste Lebensfreude) durch die engen Gassen seiner Stadt. Plötzlich landet er mitten in einer gewalttätigen Intifada-Demonstration gegen die Besatzungsmacht. Dann fällt ein Schuss…
Jahre später nimmt Noors Mutter Hanan (Cherien Dabis) dieses Ereignis zum Anlass, in einem Gespräch, ohne dass wir ihr Gegenüber sehen, die Geschichte ihrer Familie zu erzählen. 1948 lebt Noors Großvater Sharif (Adam Bakri) als wohlhabender Eigentümer eines Orangenhains mit seiner Frau Munira (Maria Zreik) und seinen kleinen Kindern im schönen Jaffa am Mittelmeer, als der Palästinakrieg bis vor seine Haustür dringt – und am 14. Mai 1948 die israelische Unabhängigkeitserklärung erfolgt. Sharif schickt seine Familie zum Bruder ins (noch sichere) Nablus, er selbst will seinen Besitz so lange wie möglich verteidigen. Doch wenig später landet er in einem Gefangenenlager.
Rund 30 Jahre später lebt Sharif (jetzt: Mohammad Bakri) zusammen mit seinem Sohn Salim (Saleh Bakri) und dessen Frau Hanan unter ärmlichen Verhältnissen in einem Flüchtlingslager im Westjordanland. Als Salim, der als Lehrer die Familie ernährt, erst nach der Sperrstunde mit seinem kleinen Sohn Noor nach Hause kommt, stellt sich ihnen eine israelische Patrouille in den Weg. Noor muss erleben, wie sein Vater von den Soldaten mit der Waffe bedroht und schikaniert wird. Aus Sorge um das Leben seines Sohnes nimmt Salim alle Demütigungen zähneknirschend hin und lässt sich sogar dazu zwingen, seine eigene Frau zu beleidigen…
Diesen Moment, wie man als Kind scheinbar jeglichen Respekt vor seinem Vater verliert und das dann jahrelang verarbeiten muss, hatte die Regisseurin in ähnlicher Weise erlebt. Cherien Dabis: „Gleich bei meiner ersten Reise nach Palästina, als ich acht Jahre alt war, wurden wir zwölf Stunden lang an der Grenze festgehalten. Selbst meine kleinen Schwestern, die ein und drei Jahre alt waren, wurden Leibesvisitationen unterzogen. Die Soldaten schrien meinen Vater an und hielten ihn zurück. Ich hatte große Angst, dass sie meinen Vater töten würden.“ (Nicht nur diese Szene des Films ist autobiografisch geprägt – kein Wunder: Auch das Drehbuch stammt von Cherien Dabis.)
Zurück im Jahr 1988: Der bei der Demo in den Kopf geschossene Noor kann im Westjordanland nicht ausreichend medizinisch versorgt werden. Und so fahren Salim und Hanan mit ihrem schwerkranken Sohn und einer hart erkämpften Sondergenehmigung ins „Feindesland“ – nach Israel. Dort werden sie vor die schwierigste Entscheidung ihre Lebens gestellt…
In seiner komplizierten, aber jederzeit überschaubaren Struktur orientiert sich IM SCHATTEN DES ORANGENBAUMS an den großen Filmepen, wie wir sie aus Hollywood, aber auch von Bertolucci („1900“) her kennen. In ihrem Inszenierungsstil liebt die Regisseurin die großen Gefühle. So verzeihen wir ihr gerne das Schlussbild, als ein altes Ehepaar am Strand von Jaffa in den Sonnenuntergang blickt.
IM SCHATTEN DES ORANGENBAUMS ist abseits der familiären Ebene ein politisches Manifest, aber kein polemisches Pamphlet. Der Film ist letztes Endes ein Plädoyer für Verständigung. Doch Benjamin Netanjahu wird er nicht gefallen. (Das ist auch gut so!) Aber man muss fairerweise konstatieren: Auch in Deutschland melden sich Gegner, die den Film für „antisemitisch“ halten. Das ist er nicht!
Als IM SCHATTEN DES ORANGENBAUMS (Originaltitel: „All That’s Left of You“) beim Filmfest Hamburg gezeigt wurde – just zu dem Zeitpunkt als Israel seine Angriffe auf Gaza erhöhte -, sprang beim Abspann eine junge Frau auf und hielt lautstark eine flammende Rede pro Palästina. Im Saal protestierte niemand dagegen. Der Film geht übrigens für Jordanien in der Kategorie „Bester internationaler Film“ ins Oscar-Rennen.
All That's Left Of You (Deutschland, Zypern, Palästina, Jordanien, Griechenland, Katar, Saudi Arabien 2025)
146 Minuten
Drama
Cherien Dabis
Cherien Dabis
Christopher Aoun, BVK
Saleh Bakri, Cherien Dabis, Adam Bakri, Maria Zreik, Mohammad Bakri, Muhammad Abed Elrahman
X Verleih AG