in HOLY MEAT treibt Autorin und Regisseurin Alison Kuhn das Thema Provinzsatire mit einer obszönen Darstellung der Passionsgeschichte auf die Spitze…
Auf eigenen Wunsch lässt sich der dänische Pastor Oskar Iversen (Jens Albinus) in die schwäbische Provinz versetzen. Doch eigentlich steht die kleine Kirchengemeinde Winteringen bereits vor dem Aus und soll mit dem nachbarlichen Sommeringen verschmolzen werden. Und so fasst Iversen einen Plan: Er will den theaterbegeisterten Erzbischof mit einer Inszenierung der Passion Christi auf seine Seite bringen und so die Gemeinde erhalten. Er holt den (einst) gefeierten Theaterregisseur Roberto (Pit Bukowski) nach Winteringen, ohne zu wissen, dass dieser gerade von der Berliner Off-Theater-Szene gecancelt wurde.
Zur gleichen Zeit kehrt die junge Metzgerin Mia (Homa Faghiri) nach dem Tod ihrer Mutter ins Dorf zurück, um sich um die Fleischerei und ihre Schwester Merle mit Down-Syndrom (Amelie Gerdes) zu kümmern. Als sie erfährt, dass der neue Pfarrer ihrer Mutter auf dem Sterbebett eingeredet hat, ihr Vermögen der klammen Kirchengemeinde zu hinterlassen, ist sie außer sich. Sie schließt sich der Theatergruppe an, um die Aufführung zu torpedieren. Irgendwann naht der Tag der Aufführung…
HOLY MEAT ist das Langfilm-Regiedebüt von Alison Kuhn, die sich bereits als Regisseurin und Drehbuchautorin der ZDF/funk-Serie „Druck“, sowie der ZDFneo-Mini-Serie „WatchMe“ einen Namen gemacht hat. Ihre studentischen Filme wie „The Case You”, „Fluffy Tales” oder „Schwarmtiere/The Swarmers” liefen auf diversen A-list/Oscar-qualifizierenden Filmfestivals, wurden für die Goldene Lola oder den First Steps Award nominiert sowie mit dem Deutschen Dokumentarfilmpreis für Kunst und Kultur ausgezeichnet.
In HOLY MEAT widmet sie sich nun der Provinzsatire und taucht tief in das Dorfleben einer schwäbischen Gemeinde ein. Ich muss zugeben, dass ich während der ersten Minuten des Prologs zwischen Kopfschütteln und leichten Panikattacken changierte. „Nicht schon wieder ein Film über Kunst um der Kunst willen“, waren meine ersten Gedanken. Denn der Film wirft uns direkt in die Aufführung einer Passion Christi, zu der plötzlich Techno-Beats erklingen und die Darsteller in Reizwäsche lasziv auf der Bühne tanzen. Ach ja, ein Plastik-Penis kommt auch noch zum Einsatz. Und da ich genau weiß, dass ich mit dieser Art von Kunst überhaupt nichts anfangen kann, bewegte sich mein nervöser Finger zittrig in Richtung des Ausschalters.
Zum Glück hat das Spektakel schon nach knapp sechs Minuten ein Ende und HOLY MEAT begibt sich zumindest filmmäßig in „normalere“ Gefilde. Wie ein Triptychon entfaltet sich die Geschichte bis zu der eingangs gezeigten Theater-Aufführung über drei Akte. Wobei es genauer genommen drei Mal derselbe Akt ist, denn Kuhn erzählt dieselbe Story aus unterschiedlichen Perspektiven. Und ja, tatsächlich finden diese drei Blickwinkel schlussendlich zu einem logischen Ende zusammen, was in ähnlichen gelagerten Filmen oftmals der Kunst wegen geopfert wird. Diese Erzählweise führt jedoch unweigerlich dazu, dass sich Wiederholungen ergeben und der Film dadurch hier und da ein paar Längen hat. Auf der anderen Seite kann man einem Debütfilm so etwas durchaus verzeihen.
Vielleicht hat Alison Kuhn auch einfach nur versucht, zu viele Themen in ihr Werk aufzunehmen. Zwar führt sie das alles überraschend gut zusammen, an der einen oder anderen Stelle wäre aber etwas weniger tatsächlich mehr gewesen.
In der Tat lässt sich bei HOLY MEAT zweifellos der Tatendrang und der Ideenreichtum eines neuen Talents erkennen. Ich bin mir sicher, dass das hier nicht Alison Kuhns letzter Film gewesen sein wird. Auch wenn HOLY MEAT nicht immer meinen filmischen Geschmack getroffen hat, bin ich gespannt auf alles, was da noch aus Kuhns Richtung kommen mag.
Holy Meat (Deutschland 2025)
122 Minuten
Drama / Komödie
Alison Kuhn
Alison Kuhn
Matthias Reisser
Jens Albinus, Homa Faghiri, Pit Bukowski, Lou Strenger, Jeremias Meyer, Amelie Gerdes, Christian Pätzold, Lars Brygmann, Christopher Læssø, Jesper Riefensthal, Hiltrud Hauschke, Roberto Martinez, Bärbel Schwarz, Milo Lee Kadner
Camino Filmverleih GmbH