Ein unterkühlter Arthouse-Film, der Hans Christian Andersens Märchen „Die Schneekönigin“ als Ausgangspunkt wählt – Regisseurin Lucile Hadžihalilović liefert mit HERZ AUS EIS großes Kunstkino, mit der französischen Star-Schauspielerin Marion Cotillard in der Hauptrolle. Aber irgendwie will der Funke nicht so richtig überspringen.
Die preisgekrönte französische Regisseurin Lucile Hadžihalilović („Innocence“) ließ sich für HERZ AUS EIS nur lose von Andersens Märchen inspirieren: „Ein junges Mädchen macht sich auf die Suche nach dem Menschen, den sie liebt, der von der Schneekönigin entführt wurde, und gelangt in deren Reich, das gefrorene Königreich der Toten. Die Schneekönigin selbst fasziniert mich besonders: eine vollkommene und allwissende Gestalt, unzugänglich und geheimnisvoll, gleichzeitig attraktiv und furchterregend. Die Begegnung zwischen dem jungen Mädchen und dieser Königin war der Ausgangspunkt für diesen Film.“
Die 16-jährige Ausreißerin Jeanne (Clara Pacini) findet in den 1970er Jahren Zuflucht in einem verlassen wirkenden Filmstudio. Tagsüber wird hier „Die Schneekönigin“ gedreht, eine Geschichte, die sie schon immer in ihren Bann gezogen hat. Und die mysteriöse Hauptdarstellerin Cristina (Marion Cotillard) sorgt für eine zusätzliche Faszination. Ähnlich wie bei „“Lurker“ (der ebenso diese Woche in unseren Kinos startet) geht es bei HERZ AUS EIS um Obsession und das Eintauchen in eine fremde Welt. Jeanne fängt unter falschem Namen als Komparsin bei der Filmproduktion an – und gewinnt schnell das Vertrauen von Cristina, die ansonsten nicht gerade als nahbar gilt.
Die Schauspielerin kämpft innerlich mit ihrer Rolle. Und die Beziehung zwischen Jeanne und Cristina schwankt zwischen Bewunderung, Verführung und subtiler Bedrohung. Die Grenzen zwischen Realität und Film, Traum und Leinwand verschwimmen zusehends. Jeanne taucht immer tiefer ins Reich der Schneekönigin ein. Und Marion Cotillard („Inception“,„Der Geschmack von Rost und Knochen“) spielt diese kalt, distanziert und herrisch, aber auch impulsiv, leidenschaftlich, sinnlich, schließlich zerbrechlich und zutiefst melancholisch.
Lucile Hadžihalilović wählt bei HERZ AUS EIS erneut die „märchenhafte“ Form für ihre Geschichte. Auch die Reifung einer jungen Protagonistin, die eine geheimnisvolle Welt erkundet, die von mehr oder weniger phantasmagorischen Erwachsenen bevölkert ist, kennen wir aus ihrem bisherigen Oeuvre („Innocence“, „Evolution“, Earwig“). Ebenso die Figur der toxischen Mutter – sei es durch ihr Handeln oder ihre Abwesenheit. Außerdem Enge, leere, labyrinthische Räume. Und dann noch die Natur, die mit weiblichen Figuren verbunden ist, mit Wasser als Hauptelement in all seinen Formen: Flüsse, Seen, Brunnen, Wasserfälle, Regen, Schnee und Eis.
In Andersens Märchen gibt es einen Spiegel, der ein verzerrtes Bild der Welt zeigt. In HERZ AUS EIS sind es die Kameralinse und die Kinoleinwand. Hadžihalilović liebt auch das Spiel mit dem Film im Film, der durch die Augen des jungen Mädchens wie ein Traum gesehen wird. Wir merken schon: Verkopftes Kino, das sich auf Metaebenen abspielt. Der magische und skulpturale Aspekt von Powell und Pressburger („Die schwarze Narzisse“, „Die roten Schuhe“) ist spürbar, das italienische Kino der 1970er Jahre offenbar eine Inspiration, angefangen bei Gialli und Fantasyfilmen (wegen ihrer Atmosphäre und ihrer Sensationslust, ihrer visuellen Extravaganz und ihres Geheimnisses). Auch Hitchcock, Sirk und Fassbinder haben Spuren hinterlassen.
Bildgestalter Jonathan Ricquebourg schafft ausdrucksstarke Kompositionen im Cinemascope-Format, die tatsächlich eine dunkle Anziehungskraft haben. Kontemplation steht im Melodrama HERZ AUS EIS im Fokus, Toneditor und Mischtonmeister Ken Yasumoto arbeitet vor allem mit Soundeffekten, Ambientes, Hall und der Textur der Klänge. Auch mit Stille. Gemeinsam mit Drehbuchautor Geoff Cox verfolgt die französische Filmemacherin Hadžihalilović „einen indirekten Ansatz beim Geschichtenerzählen, der sich nicht stark auf Dialoge stützt. Wir versuchen, die Geschichte durch Details zu erzählen und die Erfahrungen der Figuren durch visuelle Elemente – Beleuchtung, Atmosphäre, Farben, Details der Kulissen, Requisiten und Kostüme – sowie Geräusche und durch Verbindungen zwischen diesen Elementen zu vermitteln. Ein bisschen wie in einem Gedicht.“
Ein Silberner Bär für „Herausragende Künstlerische Leistung“ auf der Berlinale ist da nur folgerichtig. Auch die junge Clara Pacini überzeugt durchaus in ihrer ersten großen Rolle. Und Cotillard (die bereits 2004 in Hadžihalilovićs Spielfilmdebüt „Innocence“ als Tanzlehrerin mit von der Partie war) setzt in ihrem Spiel sicherlich Akzente. Doch so schön „Blut, das in den Schnee tropft“ (Schneewittchen lässt grüßen), auch aussieht, das Fantasydrama HERZ AUS EIS ist emotional eine Grube. Künstlerisch atemberaubend und unheimlich raffiniert irgendwie. Aber eben auch blutleer!
La tour de glace (Deutschland / Frankreich 2025)
118 Minuten
Drama / Fantasy
Lucile Hadžihalilović
Lucile Hadžihalilović, Geoff Cox
Jonathan Ricquebourg
Marion Cotillard, Clara Pacini, August Diehl, Gaspar Noé, Marine Gesbert, Lilas-Rose Gilberti, Gaspar Noé, Dounia Sichov, Valentina Vezzoso, Cassandre Louis Urbain, Laurent Lufroy, Raphael Reboul, Jana Bittnerova, Carmen Haidacher, Héloïse Gonzalez
Grandfilm GmbH