Herr Bachmann und seine Klasse

Kinostart: 16.09.2021

ab0 OT: Herr Bachmann und seine Klasse (Deutschland 2021)
Länge: 217 Minuten
Genre: Dokumentation
Regie: Maria Speth
Drehbuch: Maria Speth, Reinhold Vorschneider
Verleih: Grandfilm GmbH

Kein Film hatte bei der Berlinale für so viel Aufsehen gesorgt wie HERR BACHMANN UND SEINE KLASSE von Maria Speth. Der verdiente Lohn: ein Silberner Bär als „Preis der Jury“. Ein 217 Minuten (!) langer Dokumentarfilm über einen Lehrer und seine Schüler – kann das funktionieren? Die klare Antwort ist ja, obwohl der Zuschauer viel Sitzfleisch braucht. Es gibt Phasen während der knapp vier Stunden, in denen wohl jeder denkt: Wann ist der Film endlich zu Ende? 

Dieter Bachmann ist ein engagierter Lehrer alter Schule. Im nordhessischen Stadtallendorf leitet er an der Georg-Büchner-Gesamtschule zwei Klassen der sechsten Jahrgangsstufe – Schülerinnen und Schüler zwischen 12 und 14 Jahren alt. Alle Leistungsstufen sind noch in einem Klassenverband vereint. Erst am Ende des Schuljahres erfolgt die Teilung in drei Schulzweige. Bachmanns Problem: Fast alle seine Schülerinnen und Schüler stammen aus Familien mit einer Migrationsgeschichte – aus insgesamt neun Ländern. Ihre Eltern sind irgendwann in der kleinen Industriestadt hängen geblieben – und die Kinder kämpfen tagtäglich mit der deutschen Sprache. Denn natürlich sprechen sie zu Hause das Idiom ihrer Heimat.

Herr Bachmann, vom Typ her ein klassischer Alt-68er, sitzt meist mit Käppi und Hippie-Schlabberlook vor seiner Klasse. Sein wichtigstes Utensil ist seine akustische Gitarre – nach dem Motto: Mit Musik geht alles besser. Indem er den Unterricht immer wieder mit eingestreuten Liedern auflockert, bleibt die Klasse hochkonzentriert. Es klingt zwar nach Klischee, aber Musik ist eben eine internationale Sprache, die jeder versteht.

Der ständig lächelnde Herr Bachmann ist ein Sympathieträger ersten Ranges. Man spürt, dass er alle seine Schülerinnen und Schüler gleich gern hat. Sobald eines seiner „Kinder“ Probleme hat – ob im Unterricht oder im privaten Milieu -, hilft er sofort. Hier lebt ein Mensch das aktuelle Thema Integration aus tiefster Seele voll aus.

Stadtallendorf war während des Zweiten Weltkrieges die größte Sprengstoffproduktionsstätte Europas. Die Arbeitskräfte waren meist Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, die im berüchtigten Außenlager Münchmühle dahinvegetierten. Natürlich besuchen Herr Bachmann und seine Klasse das dortige Museum – und man spürt: Die Jugendlichen sind ehrlich erschüttert. Nur einer fällt negativ aus der Rolle und wird von Bachmann sofort zusammengestaucht.

Regisseurin Maria Speth wollte alle Aspekte des Schuljahres aufzeigen. So durfte auch die Klassenfahrt zu einem Feriencamp-Bauernhof nicht fehlen. Diesen Schlenker hätte sie sich sparen können. Sie hatte leider nicht den Mut, bei diesem wichtigen Dokumentarfilm die Schere anzusetzen. Er ist einfach zu lang! Deshalb keine Höchstnote!

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