Hamnet

22.01.2026

Hamlet kennen wir alle (mehr oder weniger). Doch nun erfahren wir dank Maggie O’Farrells Bestseller-Roman „Judith und Hamnet“ (2020) und der kongenialen filmischen Verdichtung der chinesisch-stämmigen Regisseurin Chloé Zhao (Oscar für „Nomadland“) im Familiendrama HAMNET fiktiv einiges mehr über das Leben von William Shakespeare und die alternative Entstehungsgeschichte von „Hamlet“.

Eines gleich vorweg: Die Geschichte, die in HAMNET erzählt wird, beruht nicht auf Tatsachen. Hauptfigur ist nicht William Shakespeare (Paul Mescal), sondern seine Ehefrau Agnes (Jessie Buckley). Diese lebt in den 1580er Jahren als Falknerin im Einklang mit der Natur in dem kleinen Dorf Stratford-upon-Avon im englischen Warwickshire (gedreht wurde in Wales und in der Grafschaft Hertfordshire nördlich von London). William arbeitet dort als Lateinlehrer und erspäht Agnes auf einem seiner Streifzüge durch den Wald. Und er verfällt ihr!

Wie Filmemacherin Chloé Zhao („Eternals“, „The Rider“) dies in ihrem fünften Spielfilm HAMNET in Szene setzt, ist extrem feinfühlig. Agnes ist eine Naturfrau durch und durch, die von ihrer früh verstorbenen Mutter einige Geheimnisse aus der Pflanzenwelt vermittelt bekommen hat. Es machen Gerüchte über die Heilerin die Runde, sie könne eine Hexe sein. Der Oscar-nominierte polnische Kameramann Łukasz Żal („The Zone of Interest“, „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“) fängt das naturverbundene Leben in atemberaubenden Bildern ein, und die packende Filmmusik von Max Richter hält sich angenehm zurück, vermischt sich mit den Geräuschen der Natur.

William beginnt eine Beziehung mit der rätselhaften Agnes. Die beiden heiraten und bekommen in rascher Folge drei Kinder. Ihr erstes Kind Susanna (Bodhi Rae Breathnach) bringt Agnes am Fuße eines riesigen Baumes zur Welt. Die zweite Geburt findet auf Drängen ihrer Schwiegermutter Mary (Emily Watson) im Haus statt: Zunächst kommt Sohn HAMNET (Jacobi Jupe) zur Welt. Doch dann wird völlig überraschend noch seine Zwillingsschwester Judith (Olivia Lynes) geboren. Die vermeintliche Totgeburt beginnt erst in den Armen ihrer Mutter zu atmen.

Während die Familie wächst, verstärken sich auch Williams Ambitionen, sich als Dramatiker einen Namen zu machen. Das führt dazu, dass er viel Zeit in London verbringt, weit weg von seiner Familie auf dem Land. Agnes ermutigt William, in der Stadt seinen Traum zu leben, will aber Stratford-upon-Avon nicht verlassen, als seine Karriere Fahrt aufnimmt. Ihr einziger Sohn Hamnet träumt davon, eines Tages mit ihm im Theater zu arbeiten. Doch die Pest wütet in Europa und kostet nicht die schwächliche Judith das Leben, sondern HAMNET. Er stirbt 1596 im Alter von elf Jahren. Die Zwillinge hatten sich schon immer einen Spaß daraus gemacht, die Rollen zu tauschen. Und so legt sich der kerngesunde Hamnet zur sterbenskranken Judith, um den Tod zu täuschen.

Die chinesische Regisseurin Chloé Zhao, die in den USA tätig ist, verfasste zusammen mit der irisch-britischen Roman-Autorin Maggie O’Farrell (die u.a. mit dem „Women’s Prize for Fiction“ und dem „National Book Critics Circle Award for Fiction“ ausgezeichnet wurde) auch das Drehbuch. Und sie erschafft ein kluges, vielschichtiges Kunstwerk, das feinfühlig die Sinne und Emotionen des Publikums berührt (und auch manipuliert). Die Bühnenadaption feierte ihre Premiere bei der Royal Shakespeare Company, bevor sie ins Garrick Theatre im West End wechselte, wo sie bis Februar 2024 gespielt wurde.

Zhao erhält das theaterhafte in ihrer Inszenierung: Sie beschränkt sich auf wenige Schauplätze und auch das exzellente Darstellerensemble agiert wie vor Theaterkulissen. Insbesondere die vielfach ausgezeichnete irische Schauspielerin und Sängerin Jessie Buckley („Kleine schmutzige Briefe“, „WIld Rose“ und bald als Frankensteins Braut in „The Bride“) spielt Oscar-reif (den Golden Globe hat sie bereits in der Tasche). Ihre Darbietung strotzt nur so vor roher Emotionalität und zieht uns magnetisch-erdverbunden in den Bann! Glänzte Maggie O’Farrells Roman noch mit detailverliebter Prosa und zahlreichen Nebensträngen, so fasst Zhao in HAMNET die Handlung geschickt zusammen und setzt Buckleys Agnes ins Zentrum der Geschichte.

Zhao wollte die typisch steife Atmosphäre eines Kostümfilms hinter sich lassen und vielmehr einen ganz unmittelbaren Film über Liebe, Verlust und die heilende Kraft großer Kunst machen, der emotional, unverfälscht und nachvollziehbar ist. Das ist ihr mehr als gelungen! HAMNET gipfelt in der Theaterinszenierung von „Hamlet“, William Shakespeare hat in dem Stück den Tod, die Vergänglichkeit und Trauer verarbeitet. Gegenüber seiner Frau Agnes fehlen ihm zwar die Worte, doch in seiner Kunst kann er sich ausdrücken. Agnes steht bei der Aufführung im Publikum – und versteht William jetzt besser.

Die Figuren haben einen schrecklichen Verlust erlitten und finden durch Akzeptanz zu sich selber. Shakespeare, ein Meister der Sprache und der Emotionen, erforschte die vielschichtige Natur des Todes in seinen Stücken und Sonetten. Von trauernden Elegien bis hin zu trotzigen Erklärungen dient der Tod als wiederkehrendes Thema und bietet tiefgründige Einblicke in die menschliche Existenz.

In Hamlet, Shakespeares wohl berühmtester Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit, äußert Prinz Hamlet die einfache, aber tiefgründige Wahrheit: „Alles, was lebt, muss sterben, / Durch die Natur zur Ewigkeit wandern.“ Diese prägnante Aussage verkörpert den natürlichen Kreislauf von Leben und Tod und betont die Unvermeidlichkeit des Letzteren. Die Formulierung „durch die Natur zur Ewigkeit wandern“ deutet auf einen Übergang, nicht auf ein Ende hin und bietet einen Hoffnungsschimmer jenseits des irdischen Daseins.

In HAMNET steht William allein an der Themse in London und spricht: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“ Der junge irische Schauspieler und Theater-Mime Paul Mescal (für „Aftersun“ erhielt er 2023 eine Oscar-Nominierung als bester Hauptdarsteller) verkörpert Shakespeare absolut überzeugend. Bei der Aufführung des Stückes „Hamlet“ wird der Film auch noch theatralischer, zieht sich aber unnötig in die Länge. Doch das Ende hat natürlich auch irgendwie eine kathartische Wirkung, darum sei es der Filmemacherin Zhao verziehen. „Der Rest ist Schweigen.“

Trailer

ab12

Originaltitel

Hamnet (USA 2025)

Länge

126 Minuten

Genre

Drama

Regie

Chloé Zhao

Drehbuch

Chloé Zhao, Maggie O'Farrell, nach dem gleichnamigen Roman von Maggie O'Farrell

Kamera / Bildgestaltung

Łukasz Żal

Darsteller

Jessie Buckley, Paul Mescal, Emily Watson, Joe Alwyn, Jacobi Jupe, Olivia Lynes, Justine Mitchell, David Wilmot, Louisa Harland, Freya Hannan-Mills, Bodhi Rae Breathnach, Noah Jupe

Verleih

Universal Pictures International Germany GmbH

Filmwebsite

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