Gagarine (FFHH20)

FSK noch unbekannt OT: Gagarine (Frankreich 2020)
Länge: 97 Minuten
Genre: Drama
Regie: Fanny Liatard, Jérémy Trouilh
Drehbuch: Fanny Liatard, Jérémy Trouilh, Benjamin Charbit
Darsteller: Alséni Bathily, Lyna Khoudri, Jamil McCraven, Finnegan Oldfield, Farida Rahouadj, Denis Lavant

Sozialkritische Filme aus den Slum-Vororten von Paris – aus der sogenannten Banlieue – zählen seit Jahren zum festen Bestandteil des französischen Kinos. „Gagarine“ gehört in dieses Genre – doch der Film ist ganz anders.

Der erste Mann im Weltall, Juri Gagarin, eröffnete Mitte der 60er-Jahre höchstpersönlich eine Plattenbau-Siedlung an Rand von Paris und taufte sie mit seinem Namen. Mit diesem Wochenschau-Bericht beginnt „Gagarine“. Inzwischen droht der heruntergekommenen Siedlung der Abriss, die maroden Gebäude sind nicht mehr sicher. Doch ein 16-Jähriger, der Farbige Yuri (Alséni Bathily), hält einsam die Stellung. Heimlich hat er seine Wohnung in eine Raumstation verwandelt, in der er vom Leben als Astronaut träumt.

Die aus dem Hochhaus geworfenen Ex-Bewohner solidarisieren sich mit dem „letzten Mohikaner“ – doch alle Proteste helfen nichts: Das Sprengkommando rückt an. Was bis jetzt wie eine bissige Sozialstudie wirkte, bekommt plötzlich einen genialen Schlenker. Der Film endet in einer surrealistischen Apokalypse, die wahrscheinlich jeden Zuschauer umhaut. Dem Regieduo Fanny Liatard und Jérémy Trouilh ist ein denkwürdiges Finale gelungen, das lange nachwirkt. Davon lebt das Kino: von Filmen, die uns immer noch überraschen können.

Trailer

Comments Closed

Kommentare sind geschlossen.

Filmplakat

Weitere Beiträge in dieser Kategorie

Murina (FFHH21)

Die Kroatin Antoneta Alamat Kusijanovic (Jahrgang 1985) studierte in Zagreb und New York Film und Theater. Für ihr Spielfilmdebüt MURINA wurde sie in Cannes mit der „Caméra d’Or“ ausgezeichnet. Bravo!  Weiterlesen

Memoria (FFHH21)

Den thailändischen Kultregisseur Apichatpong Weerasethakul hat es für MEMORIA nach Kolumbien verschlagen. Independent-Ikone Tilda Swinton wollte immer schon mal mit dem asiatischen Ausnahmetalent drehen. Jetzt übernahm sie die Hauptrolle und fungierte gleichzeitig als ausführende Produzentin.  Weiterlesen

Das Ereignis (FFHH21)

Dieser erschütternde Film lässt niemanden kalt. Die Jury beim Filmfestival von Venedig bewies viel Mut, dem Drama DAS EREIGNIS von Audrey Diwan den Goldenen Löwen zu überreichen. In Zeiten der Me-Too-Debatte und in denen die Diskussionen über die Selbstbestimmung der Frau unser Leben bestimmen, kann kein Film aktueller sein – obwohl er 1963 (!) spielt. […] Weiterlesen

Whether the Weather is Fine

Jahrelang war beim Filmfest Hamburg die Sektion „Asia Express“ gleichbedeutend mit Filmen aus China und Südkorea. Inzwischen haben andere Länder aufgeholt. Diesmal gab es den Locarno-Gewinner „Die Rache ist mein, alle anderen zahlen bar“ aus Indonesien, einen Film aus Thailand zudem zwei Werke von den Philippinen – „On the Job: The Missing 8“ (Darstellerpreis in […] Weiterlesen

Annette (FFHH21)

Der Franzose Leos Carax ist einer der merkwürdigsten und rätselhaftesten Regisseure Europas. Mit seinem dritten Spielfilm „Die Liebenden von Pont-Neuf“ (1991) gelangte er zu Weltruhm. Danach verschwand er fast in der Versenkung – auch weil er sich bei diesem überteuren Meisterwerk finanziell überworfen hatte. Es folgten nur noch drei Filme: „Pola X“ (1999) nach einem […] Weiterlesen

Spiegelung (FFHH21)

Wie lebt man in Zeiten des Krieges? SPIEGELUNG spielt zu Beginn der blutigen Kämpfe in der Ostukraine, als von Moskau unterstützte Separatisten sich gegen die Regierung in Kiew auflehnten. Der intensive Film über den immer noch andauernden brutalen Bürgerkrieg am Rande Europas ist ein aufwühlendes Drama über das Phänomen, was Menschen einander antun können. Weiterlesen

Vortex (FFHH21)

Das Enfant terrible des französischen Kinos, Gaspar Noé, ist erwachsen geworden. Nach seinen Skandalfilmen „Irreversible“ (2002) und „Love“ (2015) hat er mit VORTEX jetzt eine Art Alterswerk vorgelegt. Ähnlich wie Michael Haneke in „Amour“ schaut er einem alten Ehepaar beim Sterben zu. Der Clou: Die Hauptrollen besetzte er mit zwei Ikonen des europäischen Kinos.  Weiterlesen

Hit the Road (FFHH21)

Wie der Vater so der Sohn! Der iranische Starregisseur Jafar Panahi liebt es, seine Filme im Auto spielen zu lassen. In „Taxi Teheran“ (Goldener Bär 2015) spielt er einen Taxifahrer, der Kunden quer durch die Hauptstadt fährt und mit ihnen ins Gespräch kommt. Weiterlesen

Das Haus

Dass deutsche Science-Fiction-Filme auch mit wenig Geld funktionieren können, hat uns vor wenigen Wochen Tim Fehlbaum mit seinem mutigen, ästhetisch ungewöhnlichen Werk „Tides“ nachdrücklich bewiesen. Doch es klappt nicht immer: DAS HAUS von Rick Ostermann nach einer Kurzgeschichte von Spiegel-Journalist Dirk Kurbjuweit beweist, dass man dieses populäre Genre auch (pardon!) in den Sand setzen kann […] Weiterlesen

Curveball – Wir machen die Wahrheit

Eine gelungene Polit-Satire aus Deutschland: Geht das überhaupt? Und ob! In CURVEBALL – WIR MACHEN DIE WAHRHEIT ist Arndt Wolf (Sebastian Blomberg) Biowaffen-Experte beim BND – Schwerpunkt Naher Osten. In den 90er-Jahren erhält er von seinem Vorgesetzten Schatz (Thorsten Merten) den Auftrag, den irakischen Asylbewerber Rafid Alwan (Dar Salim) auszuhorchen, der behauptet, am geheimen Biowaffen-Programm […] Weiterlesen