Filmfest Hamburg 2016 – Teil 4

Heute mit BLACK, THE TOGETHER PROJECT und WÚLU. Das ist das Besondere an einem Filmfest. Da hat man zwar eine Karte für den neuen Film von Xavier Dolan, aber dann ist die Zeit zum Kinowechsel einfach zu gering, weil sich das Q&A nach dem vorhergehenden Film so sehr in die Länge gezogen hat. Die Folge wäre es, einen Film mit vielen Close-Ups und Untertitel in der ersten Reihe zu gucken. Nein, das muss beim besten Willen nicht sein, zumal der Film am nächsten Tag noch einmal in der Akkreditiertenvorstellung läuft. Also kurzer Hand umgeplant und herausgekommen ist als Ersatz ein Drogen-Thriller aus Mali. Aber dazu später mehr. 

black

Black

Belgien 2015 | 95 min | OmeU | Farbe

Regie: Bilall Fallah, Adil El Arbi, Drehbuch: Nele Meirhaeghe, Adil El Arbi, Bilall Fallah, Hans Herbots, Darsteller: Martha Canga Antonio, Aboubakr Bensaihi

Welten prallen aufeinander, als sich das Mädchen Mavela und der Junge Marwan auf dem Flur einer Brüsseler Polizeistation kennenlernen. Sie gehören zwei verfeindeten Gangs an, Mavela der „Black Bronx“, Marwan der marokkanischen Bande „1080“. Obwohl den beiden Teenagern klar ist, welcher Gefahr sie sich aussetzen, treffen sie sich heimlich und verlieben sich ineinander. Gemeinsam wollen sie ausbrechen aus den Gangstrukturen und ihr gewalttätiges Milieu, das ihnen keine Perspektive bietet, verlassen. Doch die Clans bekommen Wind von der verbotenen Beziehung und stellen dem Paar eine heimtückische Falle.

BLACK ist ein weiterer Film, den ich beim Edinburgh International Film Festival im Juni diesen Jahres nicht mehr in meinen Zeitplan packen konnte. Um so schöner, dass sich das Filmfest Hamburg ebenfalls für diesen belgischen Film entschieden hat. Allerdings ringt der Film dem klassischen Romeo und Juli Prinzip keine wesentlichen neuen Aspekte ab. Alles bewegt sich in „geordneten“ Bahnen und das Fehlen jedweder Identifikationsfiguren macht es dem Zuschauer schwierig, hier Gefallen zu finden. Selbst die beiden Hauptfiguren sind so schwach gezeichnet, dass man ihn ihren Ausstiegswillen nicht wirklich abnimmt. Der Film hat jedoch eine ansehnliche Bildsprache gefunden, dass die Figuren-Probleme zumindest ein klein wenig vergessen lässt. Allerdings hat man den Eindruck, dass die Regisseure ihre stilistischen Mittel wie Zeitlupe etc. nicht aus dramaturgischen Gründen einsetzen, sondern „einfach nur so“. So ist BLACK in der Summe zwar kein schlechter Film, aber auch keiner, den man unbedingt gesehen haben muss. Durchschnitt eben. (2,5/5)

 

the-together-projekt

The Together Project

Frankreich, Island 2016 | 83 min | OF mit dt. UT | Farbe

Regie: Sólveig Anspach, Drehbuch: Sólveig Anspach, Jean-Luc Gaget, Darsteller: Florence Loiret Caille, Samir Guesmi

Samir, ein hochgewachsener und schlaksiger Kranfahrer um die 40, verliebt sich Hals über Kopf in Agathe. Da sie als Schwimmlehrerin arbeitet und ihm nichts Besseres einfällt, meldet er sich bei ihr für einen Schwimmkurs an. Der Schwindel funktioniert genau drei Unterrichtsstunden lang – dann fliegt Samir auf. Agathe ist außer sich. Wenn sie etwas hasst, dann sind es Lügner. Damit scheint die Romanze vorüber zu sein, noch ehe sie richtig losgegangen ist. Als Agathe zu einem Bademeister-Kongress nach Reykjavík fährt, schiebt sie ein ganzes Meer zwischen sich und ihren Verehrer. Doch der wäre nicht unsterblich verliebt, wenn Wasser und 2.000 Kilometer für ihn ein echtes Hindernis wären.

Man muss die Isländer einfach lieben. Immer ein wenig verrückt, immer sehr naturverbunden und immer zutiefst menschlich. Was passiert, wenn ein schlaksiger Franzose seiner Liebe nach Island nachreist, zeigt THE TOGETHER PROJEKT auf äußerst amüsante Weise. Samir Guesmi in der Hauptrolle ist ein wahrer Segen für den Film. Wie er sich unbeirrt der isländischen Sonderheiten in ein Abenteuer begibt, ist so urkomisch und skurril, dass man es vor Lachen kaum aushält. Das Guesmi auch im wahren Leben ein lustiger Zeitgenosse ist, konnte er bei der Präsentation des Filmes im Passage Kino eindrucksvoll zeigen. Als ein Teil der Zuschauer während des anschließenden Q&A den Saal verlassen wollte, fuhr er sie von der Bühne mit einem schelmischen „dadadadada“ an, nur um die verwirrten Gesichter daraufhin wie ein Honigkuchenpferd anzugrinsen. Was für ein wunderbarer Typ! Und was für ein wunderbarer Film! (4,0/5)

 

wulu

Wúlu

Mali, Frankreich, Senegal 2016 | 95 min | OmeU | Farbe

Regie: Daouda Coulibaly, Drehbuch: Daouda Coulibaly, Darsteller: Ibrahim Koma, Inna Modja, Habib Dembele

Der 20-jährige Ladji ist Busfahrer in der malischen Hauptstadt Bamako und arbeitet hart, um seine Schwester Aminata aus der Prostitution zu holen. Als ihm eine Beförderung verwehrt wird, wendet er sich an einen befreundeten Drogendealer, der ihm noch einen Gefallen schuldet. Unterstützt von seinen Freunden beginnt Ladji, kiloweise Kokain von Guinea nach Mali zu schmuggeln und steigt rasch zur Topgröße im regionalen Drogenhandel auf. Er kann sich nun alles leisten, Frauen und ein Leben, von dem er bisher nicht einmal zu träumen gewagt hat. Doch der Preis, den Ladji dafür zu zahlen hat, ist hoch.

Nachdem es im neuen Film von Xavier Dolan nur noch Plätze in der ersten Reihe habe, habe ich kurzer Hand umdisponiert – und es nicht bereut. WÚLU ist ein eindrucksvoller Thriller über die wenig bekannt Tatsache, dass die Drogenkartelle Südamerika das afrikanische Land Mali seit ein paar Jahren auserkoren haben, um von dort aus ihre Waren nach Europa zu verschieben. Das geschieht in erster Linie, seit die Kontrollen in Portugal und Spanien extrem verschärft worden sind, so der Regisseur Daouda Coulibaly im anschließenden Filmgespräch. Er habe den Film in erster Linie gemacht, damit später niemand in Mali behaupten kann, er hätte nicht gewusst, in welchem Ausmaß der Drogenhandel dort stattfindet. Coulibaly findet dafür starke Bilder und einen Hauptdarsteller, der so mysteriös ist, dass man aus ihm und seinen Absichten nicht wirklich schlau wird. WÚLU ist ein cleverer und eindrucksvoller Film, der noch einige Zeit nachwirkt. (3,5/5)

 

Comments Closed

Kommentare sind geschlossen.

Weitere Beiträge in dieser Kategorie

Unser Mann in Amerika (NFL 2020)

Als im April 1940 Nazi-Deutschland Dänemark besetzt, leisten König und Regierung kaum Widerstand. Allein der dänische Botschafter in den USA, Henrik Kauffmann (Ulrich Thomsen), trotzt den neuen Machthabern. Er erklärt sich zum Vertreter eines freien Dänemark und zieht weitere Auslandsvertretungen auf seine Seite. Ermutigt von seiner amerikanischen Ehefrau Charlotte (Denise Gough) und unterstützt vom Botschaftsangestellten Weiterlesen

Der Waldriese (NFL 2020)

Pasi, Sohn eines Trinkers aus Törmälä, hat es geschafft: Er ist Abteilungsleiter eines internationalen Holzkonzerns. Eines Tages wird er in sein Heimatdorf entsandt, um in der dortigen Sperrholzfabrik Entlassungen durchzusetzen. Als Belohnung winkt der nächste Schritt auf der Karriereleiter. Doch ein Tipp seines Jugendfreundes Janne bringt ihn auf eine andere Idee: Der Bau einer Eisenbahn Weiterlesen

Charter (NFL 2020)

Aus beruflichen Gründen ist Alice (Ane Dahl Torp) aus der Provinz nach Stockholm gezogen. Ihre beiden Kinder sind bei ihrem Mann geblieben. Als Alice erfährt, dass er sich das alleinige Sorgerecht zusprechen lassen will, fährt sie zurück, weil sie glaubt, dass Vincent und Elina bei ihm unglücklich sind. Kurzentschlossen bucht sie für sich und die Weiterlesen

Der letzte Angelausflug (NFL 2020)

Scherben bringen Glück? Aber nicht, wenn edler Rotwein in den Flaschen war! Dass beim Einzug in das Wochenendhäuschen gleich eine ganze Kiste davon zu Bruch geht, ist schon mal ein schlechtes Omen für den Angelausflug von sechs ziemlich besten Kumpeln. Denn eigentlich ist die ganze Lachsfischerei nur ein Vorwand, sich von Frauen ungestört zu betrinken Weiterlesen

Gesellschaftsspiele (NFL 2020)

Ein Wochenende ohne Netz – und schon fallen acht Jugendfreunde ins Bodenlose! Dabei war doch die Geburtstagsparty, mit der sie Mitzi auf einer finnischen Schäreninsel überraschen wollten, nur gut gemeint. Dann aber stellt ihnen die mondäne Veronika den schwedischen Schauspielstar Mikael als ihren neuen Freund vor und setzt damit einen Reigen alter Rivalitäten in Gang. Weiterlesen

We Got This (NFL 2020)

Der impulsive Werbefilmer George (Schiaffino Musarra) zetert sich ins berufliche Aus, als er am Set die Kontrolle über seine negativen Gefühle verliert. Ohne Geld und Aussicht auf neue Jobs, versucht er trotz seines schlechten Rufs wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Doch muss er leider feststellen, dass man ihm nicht einmal einfachste Arbeiten anvertrauen Weiterlesen

Filmfest Hamburg 2020 – Das iranische Kino

Seit Jahren bildet das iranische Kino einen besonderen Schwerpunkt beim Filmfest Hamburg. Gerade die unbequemen und regimekritischen Regisseure haben in Hamburg seit langem eine künstlerische Heimat gefunden – so erhielt Jafar Panahi 2018 den Douglas-Sirk-Preis, den er nicht persönlich überreicht bekam, da er sein Land nicht verlassen durfte. Das Gleiche gilt für den diesjährigen Berlinale-Sieger Weiterlesen

Quo vadis, Aida? (FFHH20)

Mit ihrem Regiedebüt „Esmas Geheimnis“ gewann die bosnische Regisseurin 2006 den Goldenen Bären auf der Berlinale. In ihrem neuen, erschütternden Film „Quo vadis, Aida?“ rekonstruiert sie das Massaker von Srebrenica (Juli 1995). Die Brutalität der Serben, die Ohnmacht der UN-Truppen unter niederländischer Führung – all das erleben wir hautnah mit.

Kuessipan (FFHH20)

Das Leben der Innu spielt im frankokanadischen Kino eine zentrale Rolle. Nicht wenige Regisseurinnen und Regisseure geben den Ureinwohnern Kanadas seit Jahren eine eigene Stimme. „Kuessipan“ von Myriam Verreault ist ein besonders lohnendes Beispiel. Das Innu-Wort bedeutet übersetzt so viel wie „Du bist dran“.

Gagarine (FFHH20)

Sozialkritische Filme aus den Slum-Vororten von Paris – aus der sogenannten Banlieue – zählen seit Jahren zum festen Bestandteil des französischen Kinos. „Gagarine“ gehört in dieses Genre – doch der Film ist ganz anders.