Filmfest Hamburg 2016 – Teil 2

Zwei Tage liegen hinter uns und der dritte beginnt mit einem echten Kracher aus Cannes. Olivier Assayas ist mit seinem neuen Film PERSONAL SHOPPER in Hamburg und zeigt erneut, dass er es wie kein anderer versteht, fantastische Filme zu machen – und das im doppelten Sinne! Außerdem: THE DAYS THAT CONFUSED und THE TRANSFIGURATION. 

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Personal Shopper

Frankreich, Deutschland 2016 | 105 min | OF mit dt. UT | Farbe

Regie: Olivier Assayas, Drehbuch: Olivier Assayas, Darsteller: Kristen Stewart, Lars Eidinger, Sigrid Bouaziz, Anders Danielsen Lie, Nora von Waldstätten, Benjamin Biolay

Die junge Amerikanerin Maureen lebt in Paris und verdient sich ihren Lebensunterhalt als „Personal Shopper“, indem sie Kleidungsstücke für Stars einkauft. Aber das Einzige, was sie in der Stadt hält, ist ihr kürzlich verstorbener Zwillingsbruder. Wie sie besaß er die Fähigkeit, mit Geistern zu kommunizieren, und nun wartet sie seit Wochen auf ein Zeichen von ihm. Tatsächlich erhält die junge Frau plötzlich geheimnisvolle SMS.

Erneut setzt Olivier Assayas auf seine Lieblingsschauspielerin Kristen Stewart und wenn man an ihre „Leistungen“ in der Twilight-Saga zurück denkt, dann kann man kaum glauben, hier dieselbe Schauspielerin zu sehen. Stewart spielt ihre Rolle so eindrucksvoll und intensiv, dass man sich den Film überhaupt nicht mit einer anderen Darstellerin vorstellen kann. Außerdem zeigt Assayas erneut, dass er es wie kaum ein anderer Regisseur versteht, seine Szenen zum exakt richtigen Zeitpunkt ins Schwarz überzublenden und seinem Publikum zu vertrauen. Mehr dazu in der ausführlichen Kritik zum Kinostart im Januar 2017. (4,5/5)

 

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The Days That Confused

Estland 2016 | 105 min | OF mit dt. UT | Farbe

Regie: Triin Ruumet, Drehbuch: Triin Ruumet, Greta Varts, Darsteller: Hendrik Toompere Jr, Juhan Ulfsak, Jaanika Arum, Klaudia Tiitsmaa, Taavi Eelmaa

Ein heißer Sommer in einer estnischen Kleinstadt Ende der 90er Jahre. Allar geht auf die 30 zu und hängt die meiste Zeit mit seinen Freunden ab. Sie baggern Frauen an, betrinken sich auf Partys und heizen mit ihren Autos durch die Gegend wie die Gestörten. Als es bei einer dieser Ausfahrten zu einem Unfall kommt, setzt bei Allar ein Umdenken ein. Er schaltet einige Gänge herunter und versucht, bewusster zu leben. Doch die Suche nach weniger Exzess und mehr Sinn gestaltet sich schwierig und verläuft alles andere als geradlinig.

Bei diesem Film muss man hellwach sein. Einmal kurz nicht aufgepasst oder gar eingenickt, verliert man vollends den Faden. Denn die estnische Regisseurin Triin Ruumet hat ganz klar David Lynch als Vorbild. Sie legt falsche Fährten, belegt Rollen doppelt und verwirrt den Zuschauer. Mir war das Ganze zu verwirrend und die Tatsache, dass einige Fragen überhaupt nicht aufgeklärt wurden, hat mir ein wenig den Spaß genommen. (2,0/5)

 

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The Transfiguration

USA 2015 | 97 min | OF | Farbe

Regie: Michael O’Shea, Drehbuch: Michael O’Shea, Darsteller: Eric Ruffin, Chloe Levine, Aaron Clifton Moten, Carter Redwood, Danny Flaherty

Der 14-jährige Milo lebt seit dem Tod der Mutter allein mit seinem älteren Bruder in Queens. In der Schule wird er gehänselt, von den Kids im Block gemobbt. Freunde hat Milo keine, dafür eine Obsession für alles, was mit Vampiren zu tun hat. Er sieht sich Filme an und schreibt an einem Leitfaden für angehende Vampire. Doch aus der Theorie ist für den Jungen längst Praxis geworden. Er befindet sich im Status der Verwandlung – Transfiguration – zum Vampir. Akribisch führt er über jede seiner Blutsauger-Aktionen Buch. In der gleichaltrigen Sophie findet Milo eine Freundin. Auch sie ist Waise, einsam und liebt Vampirgeschichten. Aber nur in der romantischen Twilight-Version. Als sie Milos Geheimnis entdeckt, wird die noch junge Freundschaft auf eine harte Probe gestellt.

THE TRANSFIGURATION ist ein kleiner, aber feiner Indie-Film, der sich gänzlich anders entwickelt, als erwartet. Ist unsere Hauptfigur nun ein Vampir oder nicht? Diese Frage lässt Regisseur Michael O’Shea bewusst offen, er interessiert sich mehr für seine Figur und dessen Beweggründe. In der Summe kann der Film dann aber nicht vollends überzeugen, denn es fehlen ihm wirkliche Höhen und Tiefen. (2,5/5)

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