Filmfest Hamburg 2016 – Teil 1

Endlich ist es wieder soweit: Filmfest in meiner Heimatstadt Hamburg. Was kann es schöneres geben? In diesem Jahr begann das Fest für mich bereits einen Tag früher, denn ich durfte die Schauspielerin Jennifer Connelly zum Interview treffen. Das Interview gibt es zum Kinostart des Eröffnungsfilms im November hier zu lesen. Die ersten beiden wirklichen Tage waren dann mit gerade mal fünf Filmen etwas ruhig, dafür war meine Vorauswahl offenbar nicht allzu verkehrt. 

elle

Elle

Frankreich, Deutschland, Belgien 2016 | 130 min | OF mit dt. UT | Farbe

Regie: Paul Verhoeven, Drehbuch: David Birke, basierend auf dem Roman „Oh…“ von Philippe Djian, Darsteller: Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Consigny, Christian Berkel, Charles Berling, Virginie Efira

Michèle (Isabelle Huppert) leitet mit einer Freundin eine Videospielfirma, ist knallhart und effizient. Dann dringt ein maskierter Unbekannter in ihre Pariser Vorortvilla ein und vergewaltigt sie. Michèle informiert nicht die Polizei und erzählt ihren Freunden eher beiläufig von dem Vorfall. Sie denkt nicht daran, in eine Opferrolle zu schlüpfen. Im Gegenteil. Sie enttarnt den Mann und zwingt ihn zu einem abgründigen sadistischen Spiel, das jederzeit außer Kontrolle geraten kann.

Auf der Pressekonferenz stellte Festivalleiter Albert Wiederspiel noch erstaunt fest, dass dieser Film noch immer keinen deutschen Verleih gefunden hat. Inzwischen hat sich das geändert, den der MFA+ Filmverleih bringt den neuen Film von Altmeister Paul Verhoeven im Frühjahr 2017 in die deutschen Kinos. Inzwischen wurde der Film zudem als Frankreichs Oskar-Beitrag eingereicht. Eine ausführliche Kritik folgt zum Kinostart, nur soviel sei vorab gesagt: Verhoeven liefert einen eindrucksvollen Film ab, der verstörend und lustig zugleich ist. Eine krude Mischung, die aber verdammt gut aufgeht, was vor allem an einer umwerfenden Isabelle Huppert liegt. (4.0/5)

 

lovesong

Lovesong

USA 2015 | 85 min | OF | Farbe

Regie: So Yong Kim, Drehbuch: So Yong Kim, Bradley Rust Gray, Darsteller: Jena Malone, Riley Keough, Brooklyn Decker, Amy Seimetz, Ryan Eggold, Rosanna Arquette

Sarah lebt mit ihrer Familie auf dem Lande und fühlt sich von ihrem Mann alleingelassen, da er die meiste Zeit beruflich unterwegs ist. Als Mindy, eine Freundin aus alten College-Tagen, zu Besuch kommt, entschließen sich die Frauen zu einem mehrtägigen Autotrip. An einem Abend mit viel Alkohol und sehr persönlichen Bekenntnissen knüpfen die Frauen an intimen Empfindungen an, die früher immer unausgesprochen geblieben waren. Am nächsten Morgen ist die Nähe der Nacht einer Verkrampfung gewichen, und Mindy reist vorzeitig ab. Drei Jahre später treffen sich die Frauen wieder – auf Mindys Hochzeit.

Was klingt, wie ein wunderbarer Film über zwei Frauen, entpuppt sich als zäh dahin fließender Strom ohne wirkliche Höhen und Tiefen. Es wirkt fast so, als hätte die Regisseurin So Yong Kim einfach nur ihre Kamera auf die beiden Hauptdarstellerinnen gehalten, aber keine weiteren Anweisungen gegeben. Das ist ist – zumindest mir – absolut zu wenig. (2.0/5)

 

tour-de-france

Tour de France

Frankreich 2016 | 95 min | OF mit dt. UT | Farbe

Regie: Rachid Djaïdani, Drehbuch: Rachid Djaïdani, Darsteller: Gérard Depardieu, Sadek, Louise Grinberg, Mabo Kouyate, Nicolas Maretheu

Der 20-jährige Far’Hook gilt als einer der zukünftigen Stars der französischen Rap-Szene. Als er nach einem Streit mit einer verfeindeten Gang Paris verlassen muss, überredet ihn sein Produzent Bilal zu einer Frankreichtour. Ohne Musik, aber zu zweit mit Bilals Vater Serge. Der Pensionist und Hobbykünstlers hat seiner Frau das Versprechen gegeben, sich auf die Spuren des Landschaftsmalers Joseph Vernet zu begeben. Von jedem Bild, das der einst malte, will Serge am Originalschauplatz seine eigene Version anfertigen – und Far’Hook soll ihn dorthin chauffieren. Der erstklassige Rapper und der zweitklassige Maler, der Muslim und der überzeugte Christ: Widerwillig brechen die beiden zu einem Trip entlang der Küste auf.

Gérard Depardieu in einer Rolle, die er immer spielt – die des komisch-kauzigen Typen, eine Welt voller Klischees und Menschen, die aufgrund eines erzwungenen Zusammenlebens ihre Vorurteile überwinden. All das hat man irgendwie schon etliche Male gesehen. Das bedeutet nicht, dass wir hier einen schlechten Film haben, nein, keinesfalls! Aber eben einen, der sehr viel mehr aus seiner Idee und seinen Darstellern hätte herausholen können. (2.5/5)

 

prank

Prank!

Kanada 2016 | 78 min | OmeU | Farbe

Regie: Vincent Biron, Drehbuch: Alexandre Auger, Vincent Biron, Marc-Antoine Rioux, Éric K. Boulianne, Darsteller: Étienne Galloy, Alexandre Lavigne, Constance Massicotte, Simon Pigeon

Stefie ist ein gelangweilter, ungelenker Nerd ohne echte Freunde. Das ändert sich, als er sich von zwei älteren Jungs dazu überreden lässt, bei Pranks – Streichen – mitzumachen, die sie mit ihren Handys abfilmen. Erst wenig begeistert, fängt Stefie für die Nonsens-Aktionen richtig Feuer, als er Lea kennenlernt, die Freundin eines seiner neuen Buddies. Sie ist das Traumbild für seine hormonbenebelten Fantasien. Doch als die Streiche immer ernster und extremer werden, beginnt innerhalb des Quartetts die Stimmung zu kippen.

PRANK ist der wunderbare Beweis, dass man kein großes Budget benötigt, um einen guten Film zu machen, solange nur die Story stimmt. Der Franko-Kanadier Vincent Biron macht in seinem Langfilm-Debut so gut wie alles richtig. Der Film ist frech, frisch und verdammt lustig. (4.0/5)

 

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Safety First

Belgien 2015 | 90 min | OmeU | Farbe

Regie: Tim van Aelst, Drehbuch: David Vennix, Tim Van Aelst, Darsteller: Bruno Vanden Broecke, Ben Segers, Matteo Simoni, Ruth Beeckmans, Tom Van Dyck

In der kleinen Security-Firma „Safety First“ von Dirk wird Kompetenz nicht gerade groß geschrieben. Erfolg auch nicht. Daher ist der chaotische Nerd hocherfreut, als „Safety First“ den Zuschlag für das berühmte belgische Elektromusikfestival Tomorrowland erhält. Dirk und sein dreiköpfiges Team sollen die Künstler betreuen, ein Riesending! Mit vollem Einsatz stürzt sich die Sicherheitstruppe in ihre Aufgabe. Doch die Dinge laufen schnell aus dem Ruder. Dirks Mitarbeiter Smos nutzt die Nähe zu seinen Idolen vor allem dafür, seine eigene Musik unter die Leute zu bringen. Und Dirk hat plötzlich Gefühle – für einen Mann. Schwul sein geht in Dirks Welt gar nicht, aber was tun, wenn die Gefühle nicht weggehen?

Ich liebe es, wenn Film am Rad drehen und einfach urkomisch und skurril sind. SAFETY FIRST ist genau so ein Film. Die Ideen, die Regisseur Tim van Aelst hier umsetzt, sind zum Totlachen und mit seiner Losertruppe gewinnt er jedem noch so ernsten Zuschauer ein fettes Grinsen ab. Obendrauf gibt es noch einen 80er-Jahre Soundtrack, der allein schon für allerlei Lacher sorgt. Wem das nicht reicht, für den gibt es zudem noch abgelaufene Eiersandwiches. Klingt bekloppt? Ist es auch, aber eben herrlich bekloppt! (3,5/5)

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