Filmfest Hamburg 2015 – Tag 6

Dieser Tag beim 23. Filmfest Hamburg 2015 wurde lang, denn es standen ganze sechs Filme auf dem Plan. Am Ende reichte es dann aber doch nur für immerhin fünf davon: MUSTANG, DUKE OF BURGUNDY, MY INTERNSHIP IN CANADA, VALLEY und KEEPER. 

Mustang

MUSTANG

Frankreich, Türkei, Deutschland 2015 | 97 min | Farbe | Sektion: Freihafen

Regie: Deniz Gamze Ergüven
Drehbuch: Deniz Gamze Ergüven, Alice Winocour
Darsteller: Güneş Nezihe Şensoy, Doğa Zeynep Doğuşlu, Elit İşcan, Tuğba Sunguroğlu, İlayda Akdoğan, Nihal Koldaş, Ayberk Pekcan

Frühsommer in einem Dorf im Norden der Türkei. Lale und ihre vier Schwestern tollen auf dem Heimweg von der Schule mit einigen Jungs im Meer herum. Ihr angeblich unmoralisches Verhalten löst einen Skandal aus – mit ungeahnten Folgen: Nach und nach verwandelt sich das Haus der Familie in ein Gefängnis. Hausarbeit ersetzt die Schule, Ehen werden arrangiert. Doch die Sehnsucht der Schwestern nach Freiheit ist groß und wird nicht kleiner.

Wenn der Tag mit einem der absoluten Highlights des Festivals beginnt, dann kann es nur ein guter Tag werden. MUSTANG ist ein eindrucksvoller Film, der mehr als deutlich zeigt, dass viele Probleme in erzkonservativen Männergesellschaften oftmals nur dadurch entstehen, dass diese Patriarchen etwas in das Verhalten von Jugendlichen hinein interpretieren, was so überhaupt nicht vorhanden ist. Regisseurin Deniz Gamze Ergüven ist hier ein trotziges und phänomenales Plädoyer gelungen, dass beim Zuschauer noch lange nachhallt. Am dem 25.02.2016 ist dieses Meisterwerk auch in den deutschen Kinos zu bestaunen (5/5)

 

Duke-of-Burgundy

DUKE OF BURGUNDY

Großbritannien 2014 | 101 min | Farbe | Sektion: Kaleidoskop

Regie: Peter Strickland
Drehbuch: Peter Strickland
Darsteller: Sidse Babett Knudsen, Chiara D’Anna, Eugenia Caruso, Zita Kraszkó, Monica Swinn, Eszter Tompa, Fatma Mohamed

Die Tage der Insektenforscherinnen Evelyn und Cynthia laufen immer nach dem gleichen Muster ab: Die strenge Cynthia (Sidse Babett Knudsen) widmet sich ihrer wissenschaftlichen Arbeit, während Evelyn (Chiara D’Anna) zu entwürdigenden Tätigkeiten abkommandiert wird. Bald wird klar, dass es sich dabei um das alltägliche erotische Ritual eines Liebespaars handelt. Niemand stört sie in ihrer ländlichen Abgeschiedenheit, in der ihre einzigen sozialen Kontakte regelmäßige Vorträge über Schmetterlinge und Grillen sind. Doch im Laufe des Herbstes verändert sich das Machtverhältnis zwischen den Frauen. Ihre Rollenspiele nehmen die Züge eines subtilen Psychothrillers an.

Hach, irgendwie ist DUKE OF BURGUNDY nicht so recht mein Film. Ich bin weit davon entfernt, ihn als schlecht zu bezeichnen – auf gar keinen Fall! Aber mit dem Thema bin ich so überhaupt nicht warm geworden. Vielleicht ist der Film vielmehr etwas für die Freunde des bizarren Rollenspiels, aber eben nichts für mich (1,5/5)

 

My-Internship-in-Canada

MY INTERNSHIP IN CANADA

Kanada 2015 | 108 min | Farbe | Sektion: Veto!, Voilà!

Regie: Philippe Falardeau
Drehbuch: Philippe Falardeau
Darsteller: Patrick Huard, Suzanne Clément, Irdens Exantus, Clémence Dufresne-Deslières, Sonia Cordeau, Paul Doucet, Jules Philip, Robin Aubert, Micheline Lanctôt

Guibord ist ein unabhängiger Abgeordneter, der Prescott-Makadewà-Rapides-aux-Outardes vertritt, einen Wahlkreis im Norden Québecs. Zu seinem großen Leidwesen wird der Politiker zum Zünglein an der Waage bei einer Abstimmung von nationalem Rang: Soll Kanada sich an einem Kriegseinsatz im Nahen Osten beteiligen? Guibords Stimme entscheidet. Das ganze Land schaut auf ihn. In Begleitung seiner Frau, seiner Tochter und eines idealistischen Praktikanten aus Haiti tourt der Parlamentarier durch seinen Bezirk, um sich mit seinen Wählern zu beratschlagen. Die Debatte explodiert, und Guibord droht völlig die Kontrolle zu verlieren.

Et voilá: Der nächste Film aus franko-kanadischen Gefilden. Und wieder mal ein Glücksgriff, denn diese amüsante Politsatire hat Biss und kommt mit wunderbaren Gags daher. Wenn sich hier Politiker, Bürger und Lobbyisten ein Wettrennen liefern, wer als erster die Demokratie zur Strecke bringt, dann bleibt kein Auge trocken. (3,5/5)

 

Valley

VALLEY

Israel 2014 | 85 min | Farbe | Sektion: Kaleidoskop

Regie: Sophie Artus
Drehbuch: Sophie Artus
Darsteller: Naveh Tzur, Joy Rieger, Roy Nik, Maor Schwietzer

David ist neu in einer kleinen Stadt im Norden Israels. Er schottet sich mit Büchern und Musik ab, macht seinen Vater für den Tod der Mutter verantwortlich. Josh ist aggressiv, genießt aber die Zeit mit seinem Hund. Linoy träumt davon, Schauspielerin zu werden, aber niemand unterstützt sie bei ihrem Ziel. David, Josh und Linoy, drei sensible Teenager, die Akteure und Opfer von Gewalt sind, in der Schule, zu Hause und unter sich. Die Jungs gehen eine fragile Freundschaft miteinander ein, die jedoch gleich wieder zu zerbrechen droht, als sich beide in Linoy verlieben.

Mit VALLEY kommt ein Coming-of-Age-Fiulm aus Israel, der sich irgendwo im guten Mittelfeld bewegt. Die Geschichte ist nicht wirklich spannend, aber auch nicht wirklich uninteressant – ein gesundes Mittelmaß eben. (2,5/5)

 

Keeper

KEEPER

Belgien, Frankreich, Schweiz 2015 | 95 min | Farbe | Sektion: Voilà!

Regie: Guillaume Senez
Drehbuch: Guillaume Senez, David Lambert
Darsteller: Kacey Mottet Klein, Galatea Bellugi, Catherine Salee, Sam Louwyck, Laetitia Dosch, Aaron Duquaine, Leopold Buchsbaum, Cedric Vieira

Maxime und Mélanie lieben sich. Unbeholfen, aber voller Zärtlichkeit erkunden die beiden Teenager ihre Sexualität. Als Mélanie entdeckt, dass sie schwanger ist, nimmt Maxime die Nachricht zunächst nicht gut auf. Er fühlt sich zu jung und fürchtet um seine Karriere als Fußballtorhüter. Doch nach und nach gewöhnt er sich an den Gedanken und überzeugt sich gegenseitig, das Kind zu behalten. So ist es denn beschlossene Sache: Mit nur fünfzehn Jahren werden Maxime und Mélanie Eltern.

Wie er Tag begann, so endet er auch: mit einem Highlight. KEEPER erzählt die eindrucksvolle Geschichte eines fünfzehnjährigen Paares, dass sich trotz aller Widrigkeiten dazu entschließt, nach einer ungewollten Schwangerschaft das Kind zu behalten. Selten wurde dieses Thema so realistisch gespielt wie in diesem wunderbaren Film. Ein Film, der unbedingt einen deutschen Kinostart braucht! (4,5/5)

Comments Closed

Kommentare sind geschlossen.

Weitere Beiträge in dieser Kategorie

Unser Mann in Amerika (NFL 2020)

Als im April 1940 Nazi-Deutschland Dänemark besetzt, leisten König und Regierung kaum Widerstand. Allein der dänische Botschafter in den USA, Henrik Kauffmann (Ulrich Thomsen), trotzt den neuen Machthabern. Er erklärt sich zum Vertreter eines freien Dänemark und zieht weitere Auslandsvertretungen auf seine Seite. Ermutigt von seiner amerikanischen Ehefrau Charlotte (Denise Gough) und unterstützt vom Botschaftsangestellten Weiterlesen

Der Waldriese (NFL 2020)

Pasi, Sohn eines Trinkers aus Törmälä, hat es geschafft: Er ist Abteilungsleiter eines internationalen Holzkonzerns. Eines Tages wird er in sein Heimatdorf entsandt, um in der dortigen Sperrholzfabrik Entlassungen durchzusetzen. Als Belohnung winkt der nächste Schritt auf der Karriereleiter. Doch ein Tipp seines Jugendfreundes Janne bringt ihn auf eine andere Idee: Der Bau einer Eisenbahn Weiterlesen

Charter (NFL 2020)

Aus beruflichen Gründen ist Alice (Ane Dahl Torp) aus der Provinz nach Stockholm gezogen. Ihre beiden Kinder sind bei ihrem Mann geblieben. Als Alice erfährt, dass er sich das alleinige Sorgerecht zusprechen lassen will, fährt sie zurück, weil sie glaubt, dass Vincent und Elina bei ihm unglücklich sind. Kurzentschlossen bucht sie für sich und die Weiterlesen

Der letzte Angelausflug (NFL 2020)

Scherben bringen Glück? Aber nicht, wenn edler Rotwein in den Flaschen war! Dass beim Einzug in das Wochenendhäuschen gleich eine ganze Kiste davon zu Bruch geht, ist schon mal ein schlechtes Omen für den Angelausflug von sechs ziemlich besten Kumpeln. Denn eigentlich ist die ganze Lachsfischerei nur ein Vorwand, sich von Frauen ungestört zu betrinken Weiterlesen

Gesellschaftsspiele (NFL 2020)

Ein Wochenende ohne Netz – und schon fallen acht Jugendfreunde ins Bodenlose! Dabei war doch die Geburtstagsparty, mit der sie Mitzi auf einer finnischen Schäreninsel überraschen wollten, nur gut gemeint. Dann aber stellt ihnen die mondäne Veronika den schwedischen Schauspielstar Mikael als ihren neuen Freund vor und setzt damit einen Reigen alter Rivalitäten in Gang. Weiterlesen

We Got This (NFL 2020)

Der impulsive Werbefilmer George (Schiaffino Musarra) zetert sich ins berufliche Aus, als er am Set die Kontrolle über seine negativen Gefühle verliert. Ohne Geld und Aussicht auf neue Jobs, versucht er trotz seines schlechten Rufs wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Doch muss er leider feststellen, dass man ihm nicht einmal einfachste Arbeiten anvertrauen Weiterlesen

Filmfest Hamburg 2020 – Das iranische Kino

Seit Jahren bildet das iranische Kino einen besonderen Schwerpunkt beim Filmfest Hamburg. Gerade die unbequemen und regimekritischen Regisseure haben in Hamburg seit langem eine künstlerische Heimat gefunden – so erhielt Jafar Panahi 2018 den Douglas-Sirk-Preis, den er nicht persönlich überreicht bekam, da er sein Land nicht verlassen durfte. Das Gleiche gilt für den diesjährigen Berlinale-Sieger Weiterlesen

Quo vadis, Aida? (FFHH20)

Mit ihrem Regiedebüt „Esmas Geheimnis“ gewann die bosnische Regisseurin 2006 den Goldenen Bären auf der Berlinale. In ihrem neuen, erschütternden Film „Quo vadis, Aida?“ rekonstruiert sie das Massaker von Srebrenica (Juli 1995). Die Brutalität der Serben, die Ohnmacht der UN-Truppen unter niederländischer Führung – all das erleben wir hautnah mit.

Kuessipan (FFHH20)

Das Leben der Innu spielt im frankokanadischen Kino eine zentrale Rolle. Nicht wenige Regisseurinnen und Regisseure geben den Ureinwohnern Kanadas seit Jahren eine eigene Stimme. „Kuessipan“ von Myriam Verreault ist ein besonders lohnendes Beispiel. Das Innu-Wort bedeutet übersetzt so viel wie „Du bist dran“.

Gagarine (FFHH20)

Sozialkritische Filme aus den Slum-Vororten von Paris – aus der sogenannten Banlieue – zählen seit Jahren zum festen Bestandteil des französischen Kinos. „Gagarine“ gehört in dieses Genre – doch der Film ist ganz anders.