Fabian oder der Gang vor die Hunde

Kinostart: 05.08.2021

ab12 OT: Fabian oder der Gang vor die Hunde (Deutschland 2021)
Länge: 176 Minuten
Genre: Drama
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Constantin Lieb, Dominik Graf
Darsteller: Tom Schilling, Albrecht Schuch, Saskia Rosendahl, Michael Wittenborn, Petra Kalkutschke, Elmar Gutmann, Aljoscha Stadelmann, Anne Bennent, Meret Becker
Verleih: DCM Film Distribution GmbH

Das Projekt war extrem ehrgeizig – doch Regisseur Dominik Graf hat alle Probleme umschifft. Nichts weniger als sein Opus Magnum wollte Graf mit seinem fast dreistündigen Film „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ präsentieren, eine Umsetzung des gleichnamigen Romans von Erich Kästner. Kein Kinderbuch, sondern ein Werk für Erwachsene. Beim Erscheinen Anfang der 30er-Jahre kam der Roman „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“ nicht ohne Auflagen durch die Zensur – erst seit 2013 ist die ungekürzte Fassung unter dem neuen Titel „Der Gang vor die Hunde“ für deutsche Leser verfügbar. Der fertige Film wirkt wie ein tiefsinniger und visuell atemberaubender Kommentar zur Sky/ARD-Serie „Babylon Berlin“ von Tom Tykwer, Achim von Borries und Hendrik Handloegten frei nach den Romanen von Volker Kutscher.

Berlin 1931: Der ehemalige Germanist Jakob Fabian (Tom Schilling) arbeitet tagsüber in der Werbeabteilung eines Zigarettenfabrik und driftet nachts mit seinem wohlhabenden (kommunistischen) Freund Labude (Albrecht Schuch) durch Unterweltkneipen, Bordelle und Künstlerateliers. Das absehbare Ende der Weimarer Republik und das allmähliche Aufkommen des Naziterrors entlocken dem spöttischen Fabian nur zynische Kommentare. Sein Hass, sein Lebensekel und seine offen zur Schau getragene Gleichgültigkeit finden keine Grenzen – bis er die selbstbewusste Rechtsreferendarin Cornelia Battenberg (Saskia Rosendahl) kennenlernt. Aus einer flüchtigen Affäre wird bald mehr, sogar Fabian ist überrascht: Menschliche Gefühle sind ihm sonst eher fremd.

Fabian wird entlassen, was er Cornelia verheimlicht. Diese lässt sich vom Filmproduzenten Makart (Aljoscha Stadelmann) verführen, der ihr eine Filmkarriere verspricht. Labude wird von seiner Verlobten betrogen, und seine Habilitation wird angeblich abgelehnt – durch die fiese Intrige eines Kommilitonen. Er bringt sich um, und Fabian trennt sich von Cornelia: Er kann und will als Moralist ihr Doppelleben nicht akzeptieren. Er kehrt zu seinen Eltern nach Dresden zurück. Das Ende ist kurz und schmerzlos: Bei dem Versuch, einen ins Wasser gefallenen Jungen zu retten, ertrinkt Fabian.

Das ist kein Spoiler! Diese Geschichte benutzen Kästner und Graf nur als Schablone, um den damaligen Zeitgeist zu demonstrieren. Nichts weniger als das Ende einer Epoche zu zeigen, schwebten dem Autor und dem Regisseur vor – Kästners Roman gilt immer noch als einer bedeutendsten der 30er-Jahre in deutscher Sprache. Und Graf nutzt alle seine technische und inszenatorische Meisterschaft, um dieses Buch kongenial umzusetzen. Virtuos verwendet er alle visuellen Möglichkeiten, die das Medium ihm bietet: opulente Farbfilmkompositionen im ungewöhnliche 4:3-Format, eingestreute Wochenschauaufnahmen mit bewusst körnigem Material, nachgedrehte Schein-Dokumentarszenen – ein Kompendium der Filmgeschichte. Und er hat drei brillante Schauspieler an seiner Seite: Saskia Rosendahl, Tom Schilling und Albrecht Schuch waren noch nie so gut wie hier. Eine der besten Literaturverfilmungen der vergangenen 20 Jahre! Doch warum muss der Film 176 Minuten lang sein?

Trailer

Comments Closed

Kommentare sind geschlossen.

Filmplakat

Neustarts am 05.08.2021

The Suicide Squad

Gerade einmal fünf Jahre nach dem katastrophalen Start wird die DC-Comics-Verfilmung THE SUICIDE SQUAD schon wieder rebootet. Aber mit James Gunn hinter der Kamera und am Drehbuch war das die einzig richtige Entscheidung. 

Abseits des Lebens

Nachdem sie bereits diverse Episoden ihrer Serie „House of Cards“ inszeniert hat, legt Robin Wright jetzt mit ABSEITS DES LEBENS ihr Langfilm-Regiedebüt über eine Frau vor, die sich nach einem Verlust aus der Gesellschaft in die Wildnis zurückzieht. 

Kaiserschmarrndrama

Kaum zu glauben, „Kaiserschmarrndrama“ ist bereits der siebte Film über das bizarre Leben des niederbayerischen Provinzpolizisten Franz Eberhofer (Sebastian Bezzel) nach den Romanen von Rita Falk. Regisseur Ed Herzog muss sich nicht groß anstrengen, jeder der Teile gelingt ihm scheinbar mühelos – und es macht Spaß, die Filme anzuschauen, auch als Norddeutscher. 

Quo vadis, Aida? (FFHH20)

Mit ihrem Regiedebüt „Esmas Geheimnis“ gewann die bosnische Regisseurin 2006 den Goldenen Bären auf der Berlinale. In ihrem neuen, erschütternden Film „Quo vadis, Aida?“ rekonstruiert sie das Massaker von Srebrenica (Juli 1995). Die Brutalität der Serben, die Ohnmacht der UN-Truppen unter niederländischer Führung – all das erleben wir hautnah mit.