Wieder einmal gelingt es dem iranischen Autor und Regisseur Jafar Panahi, mit EIN EINFACHER UNFALL einen zutiefst menschlichen Blick auf die Menschen zu werfen, die unter dem Regime leiden.
Es ist lediglich ein einfaches Geräusch, aber der Automechaniker Vahid (Vahid Mobasseri) kennt es nur zu gut: Das Quietschen einer Beinprotese. Vahid ist sicher, dass der dazugehörige Mann derjenige ist, der ihn im Gefängnis gefoltert hat. Da ihm im Gefängnis ständig die Augen verbunden waren, kennt er nur dessen Stimme und eben dieses eine Geräusch. Umgehend wendet sich Vahid an den verstreuten Kreis anderer, inzwischen freigelassener Opfer. Gemeinsam schmieden sie einen Racheplan, doch je länger sie darüber diskutieren, desto mehr wird klar, wie sich ihre Weltanschauungen inzwischen unterscheiden. Ist er wirklich der Gesuchte? Würde Rache an ihrem Zustand irgendetwas ändern?
Es ist erstaunlich, wie viele überragende Filme uns immer wieder aus dem Iran erreichen – trotz der Repressalien und Haftstrafen, die die Filmemacher über sich ergehen lassen müssen. Mit EIN EINFACHER UNFALL setzt sich Drehbuchautor und Regisseur Jafar Panahi überraschend deutlich mit dem herrschenden Regime an – ähnlich wie es bereits sein Kollege Mohammad Rasoulof in „Die Saat des Heiligen Feigenbaums“ unterlassen hat, Metaphern zum eigenen Schutz und dem seines Teams zu verwenden.
Panahi beschäftigt sich in EIN EINFACHER UNFALL mit der immerwährenden Frage, inwieweit sich persönliche Rache auf den Heilungsprozess eines Traumas auswirken kann. Und wieviel Gewissheit ist notwendig, damit die Rache nicht einen Unbeteiligten trifft? Und was ist gewonnen, wenn am Ende die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt? Man merkt an den Dialogen mehr als deutlich, dass sich Panahi intensiv mit genau diesen Fragen beschäftig hat. Dass der Regisseur aus eigenen Erfahrungen spricht, ist klar, schließlich war er selbst mehrere Mals wegen Propaganda gegen das Regime in Haft, zuletzt von Juli 2022 bis Februar 2023.
Nachdem EIN EINFACHER UNFALL in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, ist es Panahi zum ersten Mal nach langer Zeit gelungen, den Preis persönlich entgegen zu nehmen. Der Film, der zudem für Frankreich in das Rennen um den besten fremdsprachigen Film bei den Oscars geht, erhielt danach noch weitere Preise, u.a. für die beste Regie, das beste Original-Drehbuch und als bester internationaler Film bei den Gotham Awards in New York. Bei uns feierte der Film im Oktober 2025 seine Deutschlandpremiere beim Filmfest Hamburg vor einem begeisterten Publikum. Im Dezember wurde Panahi dann im Iran in Abwesenheit zu einem Jahr Haft verurteilt und mit einem zweijährigen Ausreiseverbot belegt. Wo sich Panahi aktuell aufhält, ist nicht bekannt.
Eines ist bei Panahis Filmen immer klar: Er beobachtet seine Figuren zu jeder Zeit mit einem zutiefst menschlichen Blick und wertet ihre Haltung nicht. Seine Kritik am herrschenden Regime ist zumeist subtil und mitunter auch nicht auf den ersten Blick erkennbar. Zudem gleitet Panahi auch in EIN EINFACHER UNFALL hier und dort ein wenig in die Ironie ein, beispielsweise wenn die schwangere Frau des Entführten plötzlich ohnmächtig wird. Die bunt zusammengewürfelte Rache-Gruppe fährt sie ins Krankenhaus und übernimmt dort sogar noch das Bestechungsgeld für die Krankenschwestern. Das ist moralisch beeindruckend, steht hier doch die Nächstenliebe hierarchisch deutlich vor der Rache.
Panahi unterstützt aber auch die Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ mit seinem Film, der viele Frauen ohne Hidschab zeigt. „Eine solche Form des massiven zivilen Ungehorsams war vor wenigen Jahren noch undenkbar“, so Panahi über die Proteste in einem Interview zum Film. „Die Szenen im Film, die mit unverschleierten Schauspielerinnen auf der Straße gedreht wurden, spiegeln jedoch die heutige Realität wider. Es sind die iranischen Frauen, die diesen Wandel herbeigeführt haben.“
Bleibt zu hoffen, dass sich diese Bewegung weiter durchsetzen kann und sich im Iran irgendwann so etwas wie Normalität einstellen kann. Filme wie EIN EINFACHER UNFALL tragen dazu ganz wesentlich bei. Am meisten beeindruckt hat mich übrigens die letzte Szene des Films, in der so unfassbar viel steckt. Verraten werde ich das an dieser Stelle natürlich nicht, aber wer den Film bis zum Ende schaut, wird verstehen was ich meine.
It Was Just an Accident (Frankreich / Luxemburg / Iran)
104 Minuten
Drama
Jafar Panahi
Jafar Panahi
Amin Jafari
Vahid Mobasseri, Maryam Afshari, Ebrahim Azizi, Hadis Pakbaten, Majid Panahi, Mohamad Ali Elyasmehr, Georges Hashemzade,h Delmaz Najafi, Afssaneh Najmabadi
MUBI