Edinburgh International Film Festival 2015 – Day 6

Es ist Sonntag in Edinburgh und alle Geschäfte haben geöffnet. Daran muss man sich als Deutscher natürlich erst einmal gewöhnen, aber wenn man den Tag sowieso in Kinos verbringt, spielt das eigentlich auch gar keine Rolle mehr. Langsam aber sicher mach sich ein wenig die Ermüdung breit. Bis zu fünf Filme täglich zu sichten und dann noch Interviews vorzubereiten, strengt dann doch ein wenig an. Doch dafür entschädigt einen dann diese wunderbare Stadt mit ihren alten Gebäuden, die sich märchenhaft zwischen drei erloschene Vulkanhügel einfügen. Edinburgh ist nicht nur zu Filmfestzeiten eine Reise wert, sondern eigentlich immer. Die Freundlichkeit der einheimischen Schotten ist dabei schlichtweg wunderbar. Hier bedankt sich jeder beim Aussteigen aus dem Bus beim Fahrer, der sich dann wiederum bei den Fahrgästen bedankt. In diesem Sinne: Cheers for reading!

MANGLEHORN

USA 2014, 97 Minuten, Regie: David Gordon Green, mit Al Pacino, Holly Hunter, Harmony Korine

Das Highlight der Woche ist für Angelo Manglehorn (Al Pacino), der einen einen Schlüsseldienst führt), der freitägliche Besuch in der Bank und der dortige Smalltalk mit Dawn (Holly Hunter). Ansonsten führt der Mann ein einsames Leben: Er kümmert sich liebevoll um seine Katze, verbringt Zeit mit seiner Enkeltochter und schreibt Briefe an Clara. Darin macht er sich Vorwürfe über sein Leben, denn vor mehr als vierzig Jahren hat er seine große Liebe durch falsche Entscheidungen verloren. Regisseur David Gordon Green (Joe, Prince Avalanche) legt hier eine wunderbar melancholischen Film mit einem unfassbar guten Al Pacino vor. Was geschieht mit einem Menschen, wenn er sich sein Leben lang Vorwürfe macht, die große Liebe verstoßen zu haben? Wie soll ein solcher Mensch jemals in der Lage sein, sich neu zu verlieben, wenn die Schuld so groß aufwiegt? Diesen Fragen gibt Pacino in seiner Darstellung Raum zur Entfaltung, so dass man als Zuschauer manches Mal eingreifen möchte, um dem alten Mann Trost zu spenden. MANGLEHORN ist eine wahre kleine Perle. (4/5)

inside-out

Inside Out

USA 2015, 102 Minuten, Regie: Pete Docter, Originalsprecher: Diane Lane, Amy Poehler, Mindy Kaling, Kyle McLachlan, Bill Hader, Richard Kind, Phyllis Smith

Mit INSIDE OUT begeben wir uns den Kopf der elfjährigen Riley. Dort treffen wir auf ihre Gefühle: Spaß, Traurigkeit, Angst, Wut und Ekel. Als die Angst und der Spaß irrtümlich in den Tiefen von Rileys Erinnerungen verloren gehen, beginnt eine emotionale Achterbahnfahrt, die es in sich hat. Wieder einmal ist es Pixar gelungen, sich selbst zu übertreffen. INSIDE OUT sprudelt nur so vor grandiosen Einfällen und gibt Eltern völlig neue Möglichkeiten an die Hand, um ihren Kindern die Welt zu erklären. Dabei geschieht in den 102 Minuten so viel, dass man hier mit Sicherheit auch bei der zweiten und dritten Sichtung noch allerhand Neues entdecken kann. Immer und immer wieder schießt es dem Zuschauer durch den Kopf, wie grundlegend einfach man doch die verschiedenen menschlichen Emotionen darstellen kann. Letztendlich stellt man sich die Frage, warum darauf noch niemand zuvor gekommen ist. (5/5)

Zudem wartet Pixar auch hier wieder mit einem zauberhaften Kurzfilm auf: In LAVA wird die Geschichte eines einsamen Vulkans erzählt, der sich nichts mehr wünscht, als jemanden an seiner Seite zu haben. In diesen wenigen Minuten wird das Thema Liebe so wunderbar besungen, dass es schwerfällt, hier keine Tränen des Glücks zu vergießen. Zauberhaft, einfach zauberhaft. (5/5)

Im Anschluss an die beiden Filme durfte ich Brad Moore treffen und mit ihm über seinen Film NORTH v SOUTH sprechen, der hier heute Abend seine Weltpremiere feiert. Das Interview gibt es im Anschluss an das Festival hier zu lesen.

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