Die progressiven Nostalgiker

22.01.2026

In der belgisch-französischen Komödie DIE PROGRESSIVEN NOSTALGIKER wird ein konservatives Paar aus dem Jahre 1958 in die heutige Zeit katapultiert – und plötzlich ist nicht nur die Zeit umgestellt…

Michel (Didier Bourdon) und Hélène (Elsa Zylberstein) führen eine Bilderbuch-Ehe, in der die Rollen klar verteilt sind: Er arbeitet in der Bank und bringt das Geld nach Hause, während sie sich aufopferungsvoll um Haushalt und Familie kümmert. Als Tochter Jeanne (Mathilde Le Borgne) ungewollt schwanger wird, geschieht, was in solch patriarchalischen Strukturen Usus ist: Es muss schnell geheiratet werden. Im Trubel der Vorbereitungen kommt eines zum anderen, und durch einen Kurzschluss der niegelnagelneuen Waschmaschine werden die beiden Eheleute ins Jahr 2025 katapultiert. Plötzlich sind die Rollen neu verteilt: Hélène ist Filialleiterin einer Bank, während Michel zuhause den Haushalt wuppt – wobei er mehr an all der modernen Technik verzweifelt. Wie bedient man einen Sprach-Assistenten, warum muss man sich die Möbel selbst zusammenbauen, warum den Hundekot aufsammeln und warum um Himmels Willen möchte die Tochter unbedingt eine Frau heiraten? Michel wünscht sich nichts sehnlicher, als in sein geliebtes 1968 zurückzukehren. Doch was ist mit seiner Frau? Hat sie sich vielleicht in der Kürze der Zeit bereits zu sehr an die Vorzüge der Emanzipation gewöhnt?

Die belgisch-französische Komödie DIE PROGRESSIVEN NOSTALGIKER ist eine typische Culture-Clash-Komödie, wie sie im Buche steht. Das bedeutet aber zum Glück nicht, dass die Regisseurin Vinciane Millereau, die zusammen mit Julien Lambroschini auch das Drehbuch geschrieben hat, nun sämtliche Emanzipations-Klischees auspackt. Nein, sie greift diese zwar auf, spielt aber geschickt mit ihnen, ohne auch nur ein einziges Mal den erhobenen Zeigefinger auszupacken. Das mag die ewig gestrigen Männer vielleicht freuen, doch Millereau versteckt ihre Kritik am Patriarchat geschickt zwischen den Zeilen. Ich hätte mir zwar mitunter ein wenig mehr Zynismus gewünscht, hatte aber trotzdem immens viel Spaß bei der Sichtung des Films.

Auch gestalterisch macht DIE PROGRESSIVEN NOSTALGIKER einiges her. Das Szenenbild von Pierre Renson sowie die Kostüme von Frédérique Leroy bilden einen herrlichen Gegensatz zwischen den knapp 70 Jahre auseinander liegenden Zeitebenen. Bei den Dialogen hat sich Vinciane Millereau, die auf eine lange Erfahrung als Schauspielerin („Benedetta“, sowie etliche Kino- und Fernsehfilme) zurückgreifen kann, die größtmögliche Mühe gegeben. Und das hat sich ausgezahlt, denn diese sind absolut treffsicher – was bei einer Komödie eigentlich das Wichtigste überhaupt ist.

Gesellschaftlichen Problemen geht Millereau allerdings konsequent aus dem Weg, sie erwähnt sie zwar, belässt es dann jedoch dabei. Das finde ich in dieser Konstellation aber durchaus in Ordnung, denn schließlich ist DIE PROGRESSIVEN NOSTALGIKER eine Komödie. Ansonsten hätte ich mich an dieser Stelle vermutlich darüber echauffiert, dass sich der Film nicht entscheiden kann, was er sein will.

Ich muss es ja ehrlicherweise zugeben: Ich mag den deutschen Titel DIE PROGRESSIVEN NOSTALGIKER, auch wenn ich sonst immer über die Einfälle der deutschen Verleiher schimpfe. Der Originaltitel „C‘était mieux demain“ hat jedoch auch seinen Charme, er bedeutet so viel wie „Morgen war es besser“. Aber was soll‘s – einigen wir uns einfach darauf, dass neben dem Morgen auch der Film besser war. Oder vielmehr ist.

Trailer

ab6

Originaltitel

C'était mieux demain / Cycle of Time (Belgien / Frankreich 2025)

Länge

103 Minuten

Genre

Komödie

Regie

Vinciane Millereau

Drehbuch

Vinciane Millereau, Julien Lambroschini

Kamera / Bildgestaltung

Philippe Guilbert

Darsteller

Elsa Zylberstein, Didier Bourdon, Mathilde Le Borgne, Maxim Foster, Romain Cottard, Barbara Chanut, Céline Fuhrer, François Pérache, Esteban Delsaut, Aurore Clément, Didier Flamand

Verleih

Neue Visionen Filmverleih GmbH

Filmwebsite

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