Ein Film wie eine Ohrfeige! In ihrem Psychodrama DIE MY LOVE fordert die schottische Regisseurin Lynne Ramsay unsere Seh- und Hörgewohnheiten bis zum Äußersten heraus, dieser Film ist ein 119 Minuten langes visuelles und akustisches Inferno. Und Jennifer Lawrence in Höchstform spielt sich hier die Seele aus dem Leib; das ist wortwörtlich gemeint: aus dem Körper!
Dabei beginnt der Film scheinbar ganz harmlos – wie ein spröder, stilistisch reduzierter Arthouse-Film à la Chantal Akerman. Die starre Kamera blickt durch die Küche und das Wohnzimmer eines leeren und offenbar verwohnten Hauses – überall Dreck und Schäbigkeit. Hinter der Terrassentür hören wir die Stimmen von Grace (Jennifer Lawrence) und Jackson (Robert Pattinson), die das Haus von außen begutachten. Dann treten sie von der Seite her ein – zwei unscheinbare Gestalten, die wir erst einmal nur von hinten sehen. (So banal wurden wohl noch nie zuvor zwei Hollywood-Megastars in einen Film eingeführt.)
Doch dann explodiert der Film: Zu ohrenbetäubender Rockmusik fällt die nackte Grace über den sichtlich überforderten Jackson her. In diesen wilden Sex schneidet die Regisseurin eine Kamerafahrt durch einen brennenden Wald. Zugegeben: Diese Symbolik ist doch etwas simpel gestrickt. Sei’s drum!
Die erfolgreiche Schriftstellerin Grace ist mit ihrem Partner aufs Land gezogen, um sich Inspiration für ihren neuen Roman zu holen. Jackson hatte des abgelegene Haus von seinem Onkel geerbt, der sich umgebracht hatte – mit einem Schuss in den Allerwertesten. Zunächst ist die Idylle ungetrübt, doch als Grace einen Sohn zur Welt bringt und Jackson ständig für mehrere Tage weg ist, wird die junge Mutter von Langeweile, Einsamkeit und sexueller Frustration geplagt. Auch der Besuch von Jacksons Eltern hilft nicht viel: Der an Alzheimer erkrankte Harry (Nick Nolte) flucht nur rum, warum sich sein Bruder ausgerechnet hier erschossen hatte, und Sam (Sissy Spacek) eignet sich nicht als ruhender Pol der Familie.
Die Stimmungsschwankungen von Grace werden immer ofensichtlicher. Sie masturbiert auf der Wiese vor dem Haus, bedroht Freund und Kind mit dem Messer, erschießt einen zu laut bellenden Hund, bändelt mit dem Nachbarn Karl (Lakeith Stanfield) an und mischt jede Party mit exzessiven Ausbrüchen auf. Es wird klar: Grace leidet an einer „Postpartalen Depression“, bekannt als PPD. Irgendwann sieht der hilflose Jackson keine andere Lösung – und weist Grace in eine psychiatrische Klinik ein…
Man könnte DIE MY LOVE einfach als pathologische Fallstudie über eine Krankheit, die weltweit junge Mütter befällt, abtun – doch das greift zu kurz. Ähnlich wie Michelangelo Antonionis „Rote Wüste“ (1964) ist der Film das kompromisslose Porträt einer Frau jenseits der gesellschaftlichen Normen. Und das zeigen uns Lynne Ramsay und Jennifer Lawrence mit schonungsloser Direktheit.
Dieser furiose Bilderrausch ist ein brutaler Angriff auf das konventionelle Kino, wie wir es kennen. Ich kann gut verstehen, dass viele diesen Weg nicht mitgehen wollen. Doch das atemberaubende Finale sollte sich niemand entgehen lassen – das ist Kino nicht mehr von dieser Welt…
Beim Abspann singt übrigens die Regisseurin Lynne Ramsay höchstselbst den „Joy Division“-Song „Love Will Tear Us Apart“. Was für ein Moment!
Die My Love (Großbritannien / USA 2025)
119 Minuten
Drama / Thriller
Lynne Ramsay
Enda Walsh, Lynne Ramsay. Alice Birch, nach dem Buch von Ariana Harwicz
Seamus McGarvey
Jannifer Lawrence, Robert Pattinson, Sissy Spacek, Nick Nolte, LaKeith Stanfield
MUBI