Ein ungewöhnlicher Animationsfilm zwischen kindlicher Perspektive und philosophischer Tiefe: DIE KLEINE AMÉLIE ODER DER CHARAKTER DES REGENS erzählt von Identität, Wahrnehmung und Abschied – visuell minimalistisch, inhaltlich anspruchsvoll. Nicht für jeden, aber definitiv besonders.
Die kleine Amélie wird als Tochter eines belgischen Diplomaten in Japan geboren. In den ersten zweieinhalb Jahren ihres Lebens in den 1960er-Jahren bringt sie keinen Ton hervor, weint nicht und interagiert auch sonst nicht mit ihrer Umwelt. Während sich ihre Eltern langsam Sorgen machen, erklärt Amélie uns Zuschauern die Welt mit erstaunlich philosophischer Klarheit. Sie hält sich nämlich für Gott und sieht sich selbst als eine Art Röhre, deren Aufgabe es lediglich ist, die Welt in sich aufzusaugen.
An ihrem zweiten Geburtstag wird ihre Welt jedoch durch ein Erdbeben auf den Kopf gestellt. Ihre überreizten Sinne können erst durch ein Stück belgische Schokolade wieder Ruhe erfahren, das ihre Großmutter mitgebracht hat. Plötzlich beginnt Amélie in hochkomplexen Sätzen zu sprechen. Ihr allererstes Wort: Staubsauger!
Zu ihrer japanischen Nanny Nishio-san pflegt Amélie ein ganz besonderes Verhältnis, schließlich geht diese einfühlsam auf all ihre Fragen ein. Als Amélie fasziniert den Sommerregen beobachtet, zeigt Nishio-san ihr das japanische Zeichen für Regen: „Ame“. „Das bin ja ich“, stellt diese freudestrahlend fest.
Als Amélie bemerkt, dass die Vermieterin Kashima-san ihr gegenüber nicht gerade wohlwollend eingestellt ist, erzählt Nishio-san ihr von den traumatischen Verlusten ihrer Familie im Zweiten Weltkrieg. Seitdem misstraut Kashima-san ausländischen Menschen zutiefst.
An ihrem dritten Geburtstag muss Amélie lernen, dass sie in dieser Welt auch mit Abschied und Trauer konfrontiert wird. Daraus erschließt sich die Erkenntnis, dass sie doch kein allmächtiger Gott ist, sondern ein Mensch wie jeder andere. Doch am Ende spendet ihr ihre geliebte Nanny Trost und gibt ihr Worte mit auf den Weg, die sie für den Rest ihres Lebens prägen werden.
Eine Einordnung von DIE KLEINE AMÉLIE ODER DER CHARAKTER DES REGENS fällt schwer – und genau darin liegt eines seiner größten Probleme. Für Kinder ist die philosophisch aufgeladene Erzählweise zu abstrakt, während erwachsene Zuschauer von der extrem reduzierten 2D-Animation eher auf Distanz gehalten werden. Der Film steckt zwischen diesen Welten fest und droht gerade deshalb, sein Publikum zu verfehlen.
Die gerade angesprochene zweidimensionale Bilderwelt in DIE KLEINE AMÉLIE ODER DER CHARAKTER DES REGENS wirken zwar wie ein bewusster Gegenpol zum immer lauter und hektischer werdenden Animationskino der Gegenwart, bei mir persönlich haben aber besonders die blassen, wässrigen Farben dazu geführt, dass die großen Gedanken nicht wirklich nachhallen.
DIE KLEINE AMÉLIE ODER DER CHARAKTER DES REGENS beruht auf dem autobiographischen Roman „Metaphysik der Röhren“ von Amélie Nothomb. Vielleicht gibt es ja genügend potenzielle Zuschauer, die das Buch gelesen haben. Und wer sich ansonsten mit den Farbwelten anfreunden kann und eine neunmalkluge Dreijährige nicht verstörend findet, könnte hier genau richtig sein.
Amélie et la métaphysique des tubes (Belgien / Frankreich 2025)
78 Minuten
Animation
Maïlys Vallade and Liane-Cho Han
Liane-Cho Han, Aude Py, Maïlys Vallade, Eddine Noël
Eddine Noël
Loïse Charpentier, Victoria Grobois, Yumi Fujimori, Cathy Cerda, Marc Arnaud, Laetitia Coryn, Haylee Issembourg, Isaac Schoumsky, François Raison
Nelia Olbrich, Kristina von Weltzien, Ela Nitzsche, Dagmar Dreke, Jens Wendland, Katharina von Keller, Florentine Stein, Till Vanerka
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