Der verlorene Mann

07.05.2026

Ein Problem wird viele von uns in naher Zukunft immer stärker beschäftigen – ob als Betroffene, Freunde oder Angehörige: Altersdemenz und Alzheimer. Auf einfühlsame Art führt uns Welf Reinhart in seinem Spielfilmdebüt DER VERLORENE MANN in diese ernste Thematik ein. Dabei schafft er es, den Film in einer fast schon komödiantischen Tonlage zu halten und jegliche Gefühlsduselei zu vermeiden. Dabei zieht er die Krankheit nie ins Lächerliche.

Die Künstlerin Hanne (Dagmar Manzel), die auch Kurse an der örtlichen Schule gibt, und Bernd Zweig (August Zirner), ein pensionierter Pfarrer, führen eine glückliche, wenngleich etwas routinierte Ehe in der ruhigen Idylle am Rande eines Dorfes in Oberbayern. Eines Tages steht plötzlich wie aus dem Nichts ein ihr offenbar fremder Mann vor Hannes Haustür. Völlig entgeistert starrt sie ihn an. Er habe nur den Schlüssel vergessen, behauptet der Mann, und stürmt ins Haus.

Es ist ihr Ex-Mann Kurt (Harald Krassnitzer), den sie seit der Scheidung in den vergangenen 20 Jahren vielleicht zweimal gesehen hat. Doch Kurt beharrt darauf, mit Hanne als Ehefrau in diesem Haus zu wohnen. Hanne und der perplexe (echte) Ehemann Bernd finden in Kurts Kleidung ein Krankenhausarmband mit einer Telefonnummer – der von seiner Tochter Samira (Lene Dax). Ein Anruf bei ihr bestätigt den Verdacht von Hanne: Kurt leidet an Alzheimer.

Da sie sich zurzeit im Ausland befindet, bittet sie Hanne und Bernd, den aus dem Pflegeheim ausgebüxten Kurt dorthin zurückzubringen. Doch die Heimleitung verweigert die Wiederaufnahme und empfiehlt ein anderes Heim. Aber das hat abends schon geschlossen. So darf Kurt im Gästezimmer übernachten. Doch am nächsten Morgen liegt mitten im Ehebett. Und auch zwei weitere Pflegeheime stellen sich stur. Aber als Kurt bei einem Streit Hanne gegenüber handgreiflich wird, ist auch Hannes Geduld am Ende, und sie schmeißt ihn raus.

Am nächsten Morgen müssen Hanne und Bernd Kurt auf der Polizeiwache abholen – er war an einer Bushaltestelle aufgegriffen worden. Auf der Wache lernen sie endlich Samira und deren kleine Tochter kennen, müssen aber später feststellen, dass Samiras Wohnung zu klein ist, auch noch Kurt zu beherbergen. So springt Bernd als ehemaliger Pfarrer – „Wenn jemand in Not ist, geht uns das immer etwas an“ – über seinen Schatten und erlaubt eine Art „Ehe zu dritt“. „Bis ich nein sage!“

Kann das gut gehen? Erleben wir eine Version von „Jules und Jim“ à la Alzheimer. Sogar die sexuelle Ebene deutet Welf Reinhart seht dezent an. In der schönsten Szene des Films bittet der verzweifelte Kurt „seine Frau“ um ein Zeichen: „Wo darf ich dich berühren?“

Sehr feinfühlig zeigt uns der Regisseur den Versuch der drei, diese ungewöhnliche Konstellation zu meistern. Nut gegen Ende zerfasert den Autoren Welf Reinhart und Tünde Sautier ihr Drehbuch – da muss auch noch ein Abstecher an die Nordsee her. Immerhin wird die überdeutliche TV-Ästhetik durch reflektierende Naturaufnahmen aufgelockert. Und die eher vom Fernsehen her bekannten Dagmar Manzel, August Zirner und Harald Krassnitzer spielen allesamt grandios.

Übrigens: Im Rahmen seiner Drehbuchrecherchen hatte sich Reinhart bei der Alzheimer Gesellschaft München selbst zum Demenzbegleiter ausbilden lassen. Extra für die Schauspieler:Innen wurde dort ein Workshop veranstaltet. „Harald Krassnitzer hat sich außerdem mit den Männern getroffen, die ich über ein Jahr lang betreut habe“, so Reinhart. „Anschließend hat er im privaten Umfeld recherchiert und sich peu à peu auf die Rolle vorbereitet.“

Trailer

ab12

Originaltitel

Der verlorene Mann (Deutschland 2025)

Länge

106 Minuten

Genre

Drama / Komödie

Regie

Welf Reinhart

Drehbuch

Tünde Sautier, Welf Reinhart

Kamera / Bildgestaltung

Micky Graeter

Darsteller

Dagmar Manzel, Harald Krassnitzer, August Zirner, Lene Dax, Dionne Wudu, Marion Freundorfer, Catalina Navarro Kirner, Ewa Patricia Klosowski, Jessica Stautz, Sara Sukarie

Verleih

Filmwelt Verleihagentur GmbH

Filmwebsite

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