Der Magier im Kreml

09.04.2026

Der französische Autorenfilmer Olivier Assayas („Personal Shopper“) widmet sich mit DER MAGIER IM KREML fiktiv einem politischen Sujet – und erzählt vermeintlich nahe an der Realität vom Aufstieg Putins im Russland der 1990er Jahre, vor allem aber die Geschichte von dessen Berater Wadim Baranow, dem Strippenzieher im Hintergrund.

DER MAGIER IM KREML basiert auf dem gleichnamigen Debütroman des italienisch-schweizerischen Schriftstellers und Politikwissenschaftlers Giuliano Da Empoli, der selber übrigens nicht intensiv die Epoche Russlands recherchiert hat, die er in seinem Buch schildert. Doch er ist Ex-Berater des italienischen Regierungschefs. Regisseur Olivier Assayas (der sich gemeinsam mit Emmanuel Carrère auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet) hat hingegen versucht, die berauschenden Tage der postsowjetischen 1990er Jahre, Putins Aufstieg zur Macht und die Konsolidierung der Tyrannei so detailgenau wie möglich zu inszenieren. Sein Ziel war es, die historische Tragweite des Romans filmisch zu vermitteln.

Als Stilmittel nutzt Assayas Archivmaterial, stellt aber auch Szenen akkurat mit seinen Schauspielern nach. Gedreht wurde zwar überwiegend in Lettland, aber die Schauplätze wirken überzeugend. Angelegt ist die Geschichte als politischer Thriller, doch es geht Assayas vielmehr um eine Reflektion über Macht. DER MAGIER IM KREML ist ein verschachteltes, hoch komplexes Werk, das uns die dunklen Korridore der Herrschenden fast dokumentarisch nahebringt.

Ich musste mich mit den Schauplätzen, der Epoche und den Figuren vertraut machen. Ich bin kein Russe, aber nachdem ich „Carlos“ gedreht hatte, wusste ich, dass bei einem Film über zeitgenössische Politik Wahrhaftigkeit unverzichtbar ist. Man braucht eine solide, faktenbasierte Grundlage, um Ereignisse authentisch darzustellen, Abstriche zu vermeiden und Ungenauigkeiten zu verhindern.

Olivier Assayas über seinen Film

Wadim Baranow (Paul Dano) ist ein leiser, eher unauffälliger Mann, der im Hintergrund agiert. Sein reales Vorbild ist Wladislaw Surkow, ein Mann mit extravagantem Sendungsbewusstsein, der viele entscheidende Jahre die graue Eminenz hinter Putin war. Baranow muss in jungen Jahren erleben, wie sein staatstreuer Vater beim Fall der Sowjetunion seine berufliche und gesellschaftliche Stellung verliert. In den postsowjetischen 90er-Jahren nutzt Baranow die neu gewonnenen Freiheiten, die sich ihm bieten. Vor allem die jungen Leute feiern exzessiv. Auf einer Hausparty lernt er die Liebe seines Lebens kennen: Ksenia (Alicia Vikander), die eine musikalische Avantgarde-Performance abliefert. Er wirbt sie ab für ein Theaterstück, das er inszeniert.

Moskau war in den 90er-Jahren neben den wilden Partys vor allem vom Aufstieg der Oligarchen geprägt. Und so ergreift auch Baranow opportunistisch seine Chancen und wird Produzent von Reality-TV-Shows. Er erfasst die Stimmung des Volkes perfekt – und nutzt dies psychologisch aus.

Boris Beresowski (Will Keen), der Inhaber des Privatsenders, erkennt Baranows Talent. Er soll dem Oligarchen fortan bei einem politischen Coup behilflich sein. Beresowski versucht zunächst, den schwer (alkohol-) kranken Boris Jelzin mit allen Mitteln im Präsidentenamt zu halten. Doch dann muss ein neuer Machthaber her. Der ehemalige KGB-Agent Wladimir Putin (Jude Law) scheint der Mann der Stunde zu sein. Und Baranow wird dessen inoffizieller Berater.

Tief im Herzen des Systems wird Baranow zum Strippenzieher des neuen Russlands. Doch eine Figur kann er nicht kontrollieren: Ksenia ist eine freiheitsliebende und unabhängige Frau, die Baranow zunächst für einen Oligarchen verlässt. Ihre Rolle wurde in Assayas Adaption von DER MAGIER IM KREML stark ausgearbeitet:

In dieser von Männern dominierten Welt, in der die Freiheit des Denkens, Handelns und Ausdrucks extrem eingeschränkt ist, wollte ich eine junge Frau haben, die über Autonomie, Freiheit und eine analytische Intelligenz verfügt, die es ihr ermöglicht, den Mann, den sie liebt, ständig zu beurteilen – und ihm einen Spiegel vorzuhalten, der ihm die Realität seiner Handlungen vor Augen führt. Baranow ist ihr gegenüber rechenschaftspflichtig: im Namen ihrer Liebe, ihrer gemeinsamen Vergangenheit und des Idealismus ihrer Jugend. Ähnlich wie Berezovsky – wenn auch auf ganz andere Weise – hinterfragt Ksenia Baranow, fordert ihn heraus. Und sie lässt sich niemals von seinen Intrigen täuschen. Sie wird zu einer wichtigen Triebkraft in der Erzählung.

Olivier Assayas über die Figur der Ksenia

Baranow ist ein talentierter Künstler und zugleich ein analytischer Denker, der die Personen in seinem Umfeld wie Marionetten nach Belieben hin- und herbewegt.

Er ist ein Manipulator, ausgestattet mit einer strategischen Intelligenz, die ihm einen Vorteil gegenüber allen anderen verschafft, einschließlich seiner eigenen Verbündeten. Er ist ein Stratege in dem Sinne, dass er mit einem ausgeprägten Bewusstsein für die Veränderungen handelt, die die heutige Welt prägen – und damit auch für das sich wandelnde Schlachtfeld der modernen Politik. Vor diesem Hintergrund trägt er den Krieg ins Internet. Wie er im Film sagt: ‚Die Amerikaner haben den Algorithmus erfunden – es liegt an uns, ihn besser zu nutzen als sie!‘ In gewisser Weise versteht Baranow, dass sich die Welt verändert und dass man, um in diesem sich schnell entwickelnden Umfeld zu überleben, schneller, weiter und härter als seine Konkurrenten vorgehen muss, oder riskiert, von ihnen vernichtet zu werden.

Olivier Assayas über die Figur des Baranow

Eingebettet ist DER MAGIER IM KREML in eine Rahmenhandlung, in der Jeffrey Wright als „Der Erzähler“ Baranow fünfzehn Jahre nach seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit zum Gespräch trifft. Ist der nun bereit auszupacken? Was er offenbart, verwischt zumindest die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion. Assayas, der im übrigen auch als Filmkritiker gearbeitet hat und langjähriger Redakteur der „Cahiers du cinéma“ war, liefert eine vielfältige, ambitionierte Bestandsaufnahme über die Hinterzimmer der Macht ab, über eine Zeitspanne, die sich vom Fall der UdSSR Ende der 1980er Jahre bis zur Invasion der Krim im Jahr 2014 erstreckt.

Das Darstellerensemble ist wie üblich bei Assayas exquisit: Jude Law sieht zwar bewusst nicht so aus wie Putin, doch hat er dessen Charakter, seine Mimik und Gestik gut erfasst und ausgearbeitet.

Auch ohne starke physische Ähnlichkeit glaubte ich, dass er einen überzeugenden Putin von innen heraus neu erfinden könnte. Es gibt etwas an Putin, das in Jude zum Vorschein kommt. Allerdings behält Jude selbst in voller Verwandlung mehr Menschlichkeit als sein Vorbild – was zugegebenermaßen nicht sehr schwer ist.

Olivier Assayas über seinen Putin-Darsteller Jude Law

Und Paul Dano liefert eine nuancierte Darstellung des fiktiven Baranow. Er hat sich akribisch vorbereitet und bis ins intimste Detail seine Figur studiert, die in Assayas Adaption von DER MAGIER IM KREML anders angelegt ist als in der Romanvorlage von Giuliano Da Empoli:

Surkov ist widerwärtig; unser Baranow hingegen, obwohl er sich an den schlimmsten Taten des Regimes mitschuldig gemacht hat und etwas pervers ist, behält eine gewisse Menschlichkeit. Wir haben ihn bewusst weniger nachsichtig behandelt als Giuliano in seinem Roman, zumal sein Buch vor der Invasion der Ukraine geschrieben wurde und mehr Spielraum bot.

Oliver Assayas über die Figur des Baranow

Alicia Vikander war eine offensichtliche Wahl von Assayas für die Rolle der Ksenia, denn er hatte mit der schwedischen Schauspielerin gerade an der HBO-Serie „Irma Vep“ gearbeitet. „Man könnte sogar sagen, dass die Figur von ihr inspiriert wurde.“, gesteht Assayas.

Für die visuelle Ausgestaltung hat sich Assayas zusammen mit seinem Kameramann Yorick Le Saux für CinemaScope-Objektive entschieden:

Das ist nicht die einfachste Option und war zunächst auch nicht naheliegend, aber es sorgt für eine Tiefe und visuelle Weite, die für die Geschichte genau richtig sind. Ich wollte, dass sich die Figuren durch weite Räume bewegen, basierend auf der Vorstellung, dass Macht Raum ist – und zwar im Überfluss. Man muss sich nur Putins Büro ansehen: Ich hatte es mir anfänglich gar nicht so vorgestellt, aber bei den Vorbereitungen wurde mir klar, dass Raum untrennbar mit Macht verbunden ist und Macht mit Raum.

Olivier Assayas über die Entscheidung, CinemaScope-Objektive zu verwenden

Alles in allem ist DER MAGIER IM KREML ein mit 146 Minuten eindeutig zu schwerfälliges, charaktergetriebenes Werk, das versinnbildlicht, was hinter den Kulissen der Macht vor sich geht. Der politische Thrill hält sich jedoch in Grenzen, auch wenn Assayas die Dialoglastigkeit im Vergleich zum Roman deutlich zurückgefahren hat. Eine Verschachtelung weniger hätte es vielleicht auch getan. Die herausragenden Schauspielleistungen von Paul Dano als Baranow und Jude Law als Putin entschädigen aber eindeutig für die etwas langatmige Erzählung.

Fun Fact: Der jetzige Bestsellerautor Giuliano Da Empoli und der Filmemacher Olivier Assayas wohnen in der Nähe voneinander in einem abgelegenen Winkel der Toskana. Und der Autor hat seinen Roman noch vor der Veröffentlichung im Jahre 2022 seinem „Nachbarn“ ausgehändigt, weil er dachte, dieser sei der richtige für eine Verfilmung. Doch es dauerte, bis Assayas tatsächlich davon überzeugt war.

Trailer

ab12

Originaltitel

The Wizardof the Kremlin (Deutschland / Frankreich 2025)

Länge

146 Minuten

Genre

Thriller

Regie

Olivier Assayas

Drehbuch

Olivier Assayas, Emmanuel Carrère, basierend auf dem Roman von Giuliano Da Empoli

Kamera / Bildgestaltung

Yorick Le Saux

Darsteller

Paul Dano, Jude Law, Alicia Vikander, Tom Sturridge, Jeffrey Wright, Will Keen

Verleih

Constantin Film Verleih GmbH

Filmwebsite

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