Das tiefste Blau

25.09.2025

Als ob er aus der Zeit gefallen zu sein scheint – der magisch-poetische Film DAS TIEFSTE BLAU von Gabriel Mascaro. Das melancholische Drama aus Brasilien ist entstanden ganz aus dem Geist des „Cinema Novo“, einer eigenwilligen Filmrichtung, die ab Ende der 1950er-Jahre das brasilianische Kino revolutionierte. Als Hauptvertreter dieses „Cinema Novo“ gilt Glauber Rocha (1938-1981).

Das Genie dieses Glauber Rocha ist in DAS TIEFSTE BLAU jederzeit zu spüren. Der Film ist eine faszinierende Mischung aus Fantasy, Science-Fiction und – vor allem – dem Magischen Realismus, einer in erster Linie literarischen Gattung in Lateinamerika. Der Zuschauer taucht ein in eine bizarre Welt voller Merkwürdigkeiten. Und dabei bewacht „Big Brother“ jeden Schritt der Personen – George Orwells „1984“ ist ständig präsent.

Brasilien, irgendwann demnächst. „Die Zukunft gehört allen.“ Dieser Slogan der faschistoiden Regierung, der überall in den Medien verbreitet wird, ist nur zynisch und reinster Hohn. Weil in diesem neuen Brasilien die Senior*innen keine Rolle mehr spielen, werden sie ab einem gewissen Alter in Kolonien abgeschoben. Die Jungen sollen sich auf ihre Produktivität für ein besseres Brasilien konzentrieren können, ohne sich Gedanken über die Pflege ihrer älteren Familienmitglieder machen zu müssen.

Dieses Schicksal droht auch der 77-jährigen Tereza (Denise Weinberg), die in einer kleinen Industriestadt im Amazonasgebiet lebt und in einer Krokodilschlachterei arbeitet. Sie haust allein in einem Holzhäuschen und kann sich noch gut selbst versorgen. Doch dann wird ihr gekündigt, und ihr droht die Abschiebung.

Aber Tereza hat noch einen letzten Wunsch: Sie will fliegen. Für einen kommerziellen Flug benötigt sie die Einwilligung ihrer Tochter, die diese ihr aber nicht gibt. Unter der Hand erfährt die rüstige Alte, dass sie im weit entfernten Itacoatiara ein Ultraleichtflugzeug samt Pilot mieten kann. Sie überredet den verlotterten Fischer Cadu (Rodrigo Santoro, vor allem bekannt als Laura Linneys „Love Interest“ in „Tatsächlich…Liebe“), sie auf seinem altersschwachen Kutter über den Amazonas und dessen Nebenflüsse zu schippern. (Da denkt man natürlich sofort an den Klassiker „African Queen“ mit Humphrey Bogart und Katharine Hepburn.)

Weil Cadu krumme Geschäfte macht, muss sich das ungleiche Paar tagelang mit dem Kahn im Dschungel verstecken. Dort verrät der Fischer sein Geheimnis: Wenn man sich den Schleim einer seltenen blauen Schnecke in den Augen träufelt, gleitet man ab in eine andere Welt. Und genau das macht Cadu – und aus dem sehr realen Film wird plötzlich eine visuelle Drogenreise, inszeniert als magische Phantasmagorie…

Später lernt Tereza auf ihrer Flucht und gleichzeitig Traumreise auch noch den Piloten Ludemir (Adanilo) kennen, der ihr von einem geheimnisumwitterten Etablissement namens „Goldener Fisch“ erzählt, wo man unglaubliche Gewinne machen kann. Und dann trifft Tereza auf die rätselhafte Nonne Roberta (Miriam Socarrás), die auf einem Boot lebt und digitale Bibeln verkauft…

Der Regisseur Gabriel Mascaro entführt uns in DAS TIEFSTE BLAU in ein Zauberreich voller surrealer Episoden. Was als bitterböse Politsatire begann, endet in der Utopie eines besseren Lebens. Und auch dort ist Blau eine warme Farbe. Der Film erhielt übrigens auf der Berlinale den Silbernen Bären als „Großer Preis der Jury“.

Trailer

ab6

Originaltitel

O último azul / The Blue Trail (Brasilien / Mexiko / Niederlande / Chile 2025)

Länge

86 Minuten

Genre

Drama / Science-Fiction

Regie

Gabriel Mascaro

Drehbuch

Gabriel Mascaro, Tibério Azul

Kamera / Bildgestaltung

Guillermo Garza

Darsteller

Denise Weinberg, Rodrigo Santoro, Miriam Socarrás, Adanilo

Verleih

Alamode Filmdistribution OHG

Filmwebsite

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