Blame

16.04.2026

Mit BLAME kommt eine wichtige und sehenswerte Dokumentation in unsere Kinos, die eindrucksvoll zeigt, wie Politik und Medien die Wissenschaft diskreditieren und angreifen.

Als 2003 das SARS-Cov2-Virus entdeckt wurde dauerte es trotzdem 20 Jahre, bis Wissenschaftler nachweisen konnten, dass das Virus von Fledermäusen auf den Menschen übergegangen ist. Ähnlich verhält es sich auch mit mit der Corona-Pandemie. Obwohl es genügend wissenschaftliche Beweise gibt, dass das Corona-Virus aus einem Markt in Wuhan stammt, auf dem lebende Tiere unter katastrophalen Zuständen verkauft worden sind, wird – besonders unter rechten Verschwörungstheoretikern – nach wie vor das Narrativ des Laborunfalls oder gar des als Biowaffe gezüchteten Corona-Virus verbreitet, obwohl es dafür ausschließlich Vermutungen, aber nicht den geringsten Beweis gibt.

BLAME folgt drei Wissenschaftler, die sich intensiv an der Erforschung des Corona-Virus beteiligt haben. Darunter Dr. Linfa Wang, ein weltbekannter Virologe und Experte für zoonotische Krankheiten, Dr. Peter Daszak, ein in Großbritannien geborener Zoologe und Krankheitsökologe, sowie die chinesische Wissenschaftlerin Dr. Zhengli Shi, oft als „die Fledermausfrau Chinas“ bezeichnet, eine führende Virologin und ehemalige Direktorin des Zentrums für neu auftretende Infektionskrankheiten am Wuhan Institute of Virology. Aus ihrer Sicht wird der Film erzählt.

Der schweizerische Dokumentarfilmer Christian Frei („War Photographer“, „The Giant Buddhas“, „Genesis 2.0“) versucht in BLAME der Frage auf den Grund zu gehen, warum so viele Menschen empfänglich sind für Verschwörungstheorien. Der Grund ist vermutlich, dass wir uns, vor allem für schreckliche Dinge wie eine Pandemie, einen Schuldigen wünschen, auf dem wir all unseren Frust abladen können. Die Vorstellung, dass eine solche weltumspannende Katastrophe vollkommen lautlos entstanden ist, passt daher vielen überhaupt nicht. Doch die Natur ist meist intelligenter, als wir es glauben mögen.

In erster Linie, um sich nicht angreifbar zu machen, holt sich Frei auch Außenstehende dazu, die nicht dem Zirkel der Wissenschaftler entstammen. Darunter Jane Qiu, eine preisgekrönte, unabhängige chinesische Wissenschaftsjournalistin und Philipp Markolin, ein Molekularbiologe, unabhängiger Wissenschaftskommunikator und Wissenschaftsblogger aus Österreich und der Schweiz. Auch ihr Blick auf das Thema schärft das Bewusstsein für das Problem der Fake-News.

Doch warum verfangen diese Verschwörungstheorien bei vielen Menschen so einfach? Vor acht Jahren hat Moritz Bleibtreu das einmal in einem Interview mit unserer Seite auf den Punkt gebracht:

Wenn Du früher eine Motorhaube aufgemacht hast, dann konntest Du da alles erkennen: Kardanwelle, Antrieb, Vergaser und so weiter. Du konntest da mit ein bisschen Glück mit einem Strumpfband vielleicht sogar noch etwas heile machen. Die Zeiten sind vorbei. Heute kannst Du nur noch den Hersteller anrufen und sagen „Komm, mach heil“. Wir leben in einer Welt, in der wir nichts mehr überblicken, aber wir Menschen wollen Dinge verstehen. Und wenn da Leute um die Ecke kommen, die behaupten, dass das alles nur politische Korrektheit ist, und sagen: „Wir machen das jetzt mal ganz einfach“, dann ist es kein Wunder, dass da dann Millionen sagen: „Ja, genau der!“

Moritz Bleibtreu 2017 in einem Interview mit nochnfilm.de

Auch ich stelle mir seit langem die Frage, warum der Stimme der Wissenschaft immer weniger Gehör verschafft wird, ja diese sogar angegriffen wird. Wieso wird der Wert von evidenzbasierter Forschung so gering geschätzt? Wenn man dieser Logik folgt, könnte man auch gleich überall auf der Welt Schilder aufstellen mit der Aufschrift „Liebe Viren, bitte nicht auf den Menschen überspringen“ und das dann als wirksam verkaufen.

In BLAME zeigt uns Christian Frei aber auch, wie sich dieser Hass gegenüber der Wissenschaft auf die Wissenschaftler auswirkt. Als Krönung zeigt der Film zum Ende eine Anhörung von Dr. Peter Daszak vor dem US-Kongress, der einer Inquisation gleicht. Immer wieder wird er aufgefordert, Belege für seine Theorie der Zoonose, also des Übergangs eines Virus von einer Spezies auf eine andere, zu liefern. Doch die Abgeordneten lassen ihn nie ausreden oder unterbrechen ihn, um die Antwort auf ihre Fragen selbst zu liefern – selbstverständlich ohne wissenschaftliches Grundwissen. Eine mehr als erschreckende Szene, die aber den Film perfekt auf den Punkt bringt.

Wie wichtig und gut recherchiert der Film ist, wird einem als Zuschauer nach knapp 128 Minuten mehr als deutlich. Ich hoffe daher inständig, dass BLAME von möglichst vielen Menschen gesehen wird.

Trailer

ab12

Originaltitel

Blame (Schweiz 2025)

Länge

128 Minuten

Genre

Dokumentation

Regie

Christian Frei

Drehbuch

Christian Frei, Trine Piil

Kamera / Bildgestaltung

Peter Indergand, Filip Zumbrunn

Verleih

Rise And Shine World Sales UG

Filmwebsite

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