Antigone (FFHH20)

FSK noch unbekannt OT: Antigone (Kanada 2019)
Länge: 109 Minuten
Genre: Drama
Regie: Sophie Deraspe
Drehbuch: Sophie Deraspe
Darsteller: Nahéma Ricci, Nour Belkhiria, Rawad El-Zein, Rachida Oussaada, Antoine Desrochers, Paul Doucet

2014 war der Film „Les Loups“ (Die Wölfe) der frankokanadischen Regisseurin Sophie Deraspe einer der Höhepunkte des damaligen Filmfestes Hamburg. Natürlich war jeder neugierig auf ihr neues Werk, das als Kanadas diesjähriger Beitrag für den Oscar als bester nicht englischsprachiger Film nominiert war. „Antigone“, eine sehr freie Bearbeitung des Dramas von Sophokles, ist ein absolutes Meisterwerk, das jeden Filmliebhaber atemlos zurücklässt. Es klingt vielleicht pathetisch, aber „Antigone“ ist ein Meilenstein des Jahrzehnt. Es bleibt zu hoffen, dass der Film bei uns einen Verleih findet.

Vorlage für Deraspe, die auch das Drehbuch schrieb, bildet nicht nur das Stück des antiken Griechen sondern auch die Bearbeitungen vom Jean Anouilh und Bertolt Brecht. Deraspe verlegt die Handlung in das Kanada von heute. Die 16-jährige Algerierin Antigone (eine Offenbarung: Nahéma Ricci) landet nach der Ermordung ihrer Eltern mit ihrer Großmutter, ihrer älteren Schwester Ismene und ihren zwei Brüdern als Flüchtling in einer Sozialwohnung in Montreal. Sie sammelt Bestnoten in der Schule, ihre Schwester strebt die bürgerliche Karriere als Friseurin an – doch ihre Brüder landen auf der schiefen Bahn, in einer Gang von lokalen Kriminellen. Bei einer Razzia wird einer ihrer Brüder erschossen, der andere verhaftet. In einer Verzweiflungstat, um ihre Familie zu retten, schneidet sich Antigone ihre Haare ab und tauscht im Gefängnis die Identität mit ihrem Bruder, um ihm die Flucht zu ermöglichen. Nach der Aufdeckung des Coups wird Antigone zum Star der sozialen Medien.

In ihrer eigenwilligen und mutigen Ästhetik verzahnt die Regisseurin immer wieder das Alte mit dem Neuen. Bei Sophokles ergänzt der Chor die Handlung in sperrigen Reimen. Sophie Deraspe findet eine elegante Variante: Mehrmals kommentieren grelle, meist gezeichnete Video-Clips im Stil moderner Comics die Story. Wir müssen erleben, wie Antigone fast daran zerbricht, ihre Familie zusammenzuhalten – zumal ihr befreiter Bruder seine Chance nicht genutzt hat. Unterstützung findet sie bei ihrem Schulfreund und dessen Vater und bei ihrer Großmutter, die sich zu einer Heldentat aufrafft. Bei Sophokles wird Antigone lebendig eingemauert, Sophie Deraspe gönnt uns – trotz offenen Endes – einen Funken Hoffnung. Ein Film für die Ewigkeit!

Trailer

Comments Closed

Kommentare sind geschlossen.

Filmplakat

Weitere Beiträge in dieser Kategorie

Belfast (FFHH21)

Beim Filmfest Hamburg stellte Regisseur und Drehbuchautor Kenneth Branagh seinen wohl persönlichsten Film vor: BELFAST. Darin erzählt er die Geschichte seiner Kindheit in wunderschönen Schwarz-Weiß-Bildern.  Weiterlesen

Murina (FFHH21)

Die Kroatin Antoneta Alamat Kusijanovic (Jahrgang 1985) studierte in Zagreb und New York Film und Theater. Für ihr Spielfilmdebüt MURINA wurde sie in Cannes mit der „Caméra d’Or“ ausgezeichnet. Bravo!  Weiterlesen

Memoria (FFHH21)

Den thailändischen Kultregisseur Apichatpong Weerasethakul hat es für MEMORIA nach Kolumbien verschlagen. Independent-Ikone Tilda Swinton wollte immer schon mal mit dem asiatischen Ausnahmetalent drehen. Jetzt übernahm sie die Hauptrolle und fungierte gleichzeitig als ausführende Produzentin.  Weiterlesen

Das Ereignis (FFHH21)

Dieser erschütternde Film lässt niemanden kalt. Die Jury beim Filmfestival von Venedig bewies viel Mut, dem Drama DAS EREIGNIS von Audrey Diwan den Goldenen Löwen zu überreichen. In Zeiten der Me-Too-Debatte und in denen die Diskussionen über die Selbstbestimmung der Frau unser Leben bestimmen, kann kein Film aktueller sein – obwohl er 1963 (!) spielt. […] Weiterlesen

Whether the Weather is Fine

Jahrelang war beim Filmfest Hamburg die Sektion „Asia Express“ gleichbedeutend mit Filmen aus China und Südkorea. Inzwischen haben andere Länder aufgeholt. Diesmal gab es den Locarno-Gewinner „Die Rache ist mein, alle anderen zahlen bar“ aus Indonesien, einen Film aus Thailand zudem zwei Werke von den Philippinen – „On the Job: The Missing 8“ (Darstellerpreis in […] Weiterlesen

Annette (FFHH21)

Der Franzose Leos Carax ist einer der merkwürdigsten und rätselhaftesten Regisseure Europas. Mit seinem dritten Spielfilm „Die Liebenden von Pont-Neuf“ (1991) gelangte er zu Weltruhm. Danach verschwand er fast in der Versenkung – auch weil er sich bei diesem überteuren Meisterwerk finanziell überworfen hatte. Es folgten nur noch drei Filme: „Pola X“ (1999) nach einem […] Weiterlesen

Spiegelung (FFHH21)

Wie lebt man in Zeiten des Krieges? SPIEGELUNG spielt zu Beginn der blutigen Kämpfe in der Ostukraine, als von Moskau unterstützte Separatisten sich gegen die Regierung in Kiew auflehnten. Der intensive Film über den immer noch andauernden brutalen Bürgerkrieg am Rande Europas ist ein aufwühlendes Drama über das Phänomen, was Menschen einander antun können. Weiterlesen

Vortex (FFHH21)

Das Enfant terrible des französischen Kinos, Gaspar Noé, ist erwachsen geworden. Nach seinen Skandalfilmen „Irreversible“ (2002) und „Love“ (2015) hat er mit VORTEX jetzt eine Art Alterswerk vorgelegt. Ähnlich wie Michael Haneke in „Amour“ schaut er einem alten Ehepaar beim Sterben zu. Der Clou: Die Hauptrollen besetzte er mit zwei Ikonen des europäischen Kinos.  Weiterlesen

Hit the Road (FFHH21)

Wie der Vater so der Sohn! Der iranische Starregisseur Jafar Panahi liebt es, seine Filme im Auto spielen zu lassen. In „Taxi Teheran“ (Goldener Bär 2015) spielt er einen Taxifahrer, der Kunden quer durch die Hauptstadt fährt und mit ihnen ins Gespräch kommt. Weiterlesen

Das Haus

Dass deutsche Science-Fiction-Filme auch mit wenig Geld funktionieren können, hat uns vor wenigen Wochen Tim Fehlbaum mit seinem mutigen, ästhetisch ungewöhnlichen Werk „Tides“ nachdrücklich bewiesen. Doch es klappt nicht immer: DAS HAUS von Rick Ostermann nach einer Kurzgeschichte von Spiegel-Journalist Dirk Kurbjuweit beweist, dass man dieses populäre Genre auch (pardon!) in den Sand setzen kann […] Weiterlesen