Annette (FFHH21)

FSK noch unbekannt OT: Annette (Frankreich / Deutschland / Belgien 2021)
Länge: 140 Minuten
Genre: Musical / Drama
Regie: Leos Carax
Drehbuch: Leos Carax, Ron Mael, Russell Mael
Darsteller: Marion Cotillard, Adam Driver, Simon Helberg
Verleih: Alamode Filmdistribution OHG

Der Franzose Leos Carax ist einer der merkwürdigsten und rätselhaftesten Regisseure Europas. Mit seinem dritten Spielfilm „Die Liebenden von Pont-Neuf“ (1991) gelangte er zu Weltruhm. Danach verschwand er fast in der Versenkung – auch weil er sich bei diesem überteuren Meisterwerk finanziell überworfen hatte. Es folgten nur noch drei Filme: „Pola X“ (1999) nach einem Roman von Herman Melville, „Holy Motors“ (2012) und jetzt – nach neun Jahren Pause – das Musical ANNETTE, sein erster auf Englisch gedrehter Film. Dafür und gleichzeitig für sein (eher überschaubares) Lebenswerk wurde ihm beim Filmfest Hamburg der Douglas-Sirk-Preis überreicht. Die Unstimmigkeiten auf dem roten Teppich und bei der Preisübergabe vergessen wir ganz schnell.

Schon „Die Liebenden von Pont-Neuf“ mit Juliette Binoche und Denis Lavant wollte Carax vor 30 Jahren ursprünglich als Musical verfilmen – mit ANNETTE hat er jetzt endlich seinen Wunschtraum umgesetzt. Hier verwirklicht ein Franzose sein Idealbild von Hollywood! Mit spektakulärem Ergebnis!

Drehbuch und Musik schrieben ihm die US-Brüder Ron und Russell Mael, die Masterminds hinter der Rockgruppe „Sparks“, die in den frühen 1970er-Jahren ihre Karriere als Glamrock-Band begonnen hatte. Ihr Markenzeichen: Ron Mael an den Keyboards trug von Anfang an einen Hitler-Bart.

In einem Tonstudio in Los Angeles proben die Sparks-Brüder ihre neuen Songs, der Mann am Mischpult wird höchstpersönlich von Leos Carax gespielt. Zum Titel „So May We Start“ verlassen die Brüder das Studio, um auf den Straßen der Metropole quasi als Ouvertüre die kommenden 140 Minuten des Films einzuleiten. Zu ihnen gesellen sich der Background-Chor sowie die beiden Hauptdarsteller Marion Cotillard und Adam Driver, die sich während des musikalischen Marsches von Privatpersonen mittels Kostüm und Perücke in ihre Rollen verwandeln. Schon dieser dynamisch mitreißende Anfang wird wohl jeden Zuschauer umhauen.

Henry (Adam Driver) ist ein zynischer Stand-up-Comedian im Boxermantel, der allabendlich sein Publikum bis an die Schmerzgrenze provoziert. Ann (Marion Cotillard) ist eine gefeierte Opernsängerin, die die Fans bei ihrer aktuellen Aufführungsserie des modernen Stücks „Der Wald“ zu Jubelstürmen hinreißt – einschließlich ihres dramatischen Todes auf der Bühne. Jeden Abend wartet Henry mit seinem Motorrad am Künstlereingang, bis Ann alle Autogrammwünsche erfüllt hat. Seit Kurzem sind die beiden so unterschiedlichen Menschen ein Paar und bekennen sich in jeder freien Minute zu ihrer Liebe: „We Love Each Other So Much“ ist DIE Melodie des Films, die wir nicht mehr aus unseren Ohren bekommen.

Beide leben in einer abgelegenen Villa am waldreichen Stadtrand, Motorradausflüge zu kalifornischen Sonnenuntergängen sind eines ihrer liebsten Hobbys. Als Ann schwanger wird, scheint das Glück kein Ende zu nehmen. Doch dann folgt der Schock – typisch Carax: Statt eines wonnigen Babys gebärt Ann eine monströse Holzpuppe, die direkt aus einem Hollywood-Horrorfilm zu kommen scheint. Aber niemand verliert ein Wort über das bizarre Aussehen von Baby Annette.

Diesen Stilbruch, der so gar nicht zum Genre des Musicals passt, müssen wir erst verdauen. Hier kippt der Film um 180 Grad, zumal Henry allmählich auch seine düstere Seite zeigt. Bei einem Yachtausflug in stürmischer See kommt es zur Katastrophe. Dann legt er sich auch mit Anns Ex-Lover (Simon Helberg) an. Immerhin: Henry geht mit Annette auf eine umjubelte Welttournee, denn das Baby (!) kann singen.

Pathos und Theatralik sind seit seinem Debüt „Boy Meets Girl“ (1984) Markenzeichen von Carax’ unverwechselbarem Stil. Man muss diese „große Oper“ lieben, sonst ist man im Kosmos von Leos Carax verloren. Die Musik von Ron und Russell Mael klingt eingängig – ohne aufdringlich zu sein. Adam Driver ist sicherlich kein begnadeter Sänger, aber er tut sein Bestes. Marion Cotillard hat ihre Opernpartien nicht selbst eingesungen, denn für dieses spezielle Sopran-Timbre braucht man Jahre. Doch ihre warme, sympathische Musicalstimme überzeugt. Ein sehr ungewöhnlicher Film!

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