Animale

25.09.2025

Wer sich in der Welt der Mythen auskennt oder Ovids „Metamorphosen“ in der Schule gelesen hat, hat im faszinierenden Drama ANIMALE von Emma Benestan die besseren Karten. Der im südfranzösischen Stierkampf-Milieu beheimatete Film ist eine irritierende Mischung aus knallhartem Realismus, Fantasy, Body-Horror und feministischem Manifest. Für jeden Zuschauer eine Herausforderung! Beim Filmfest Hamburg vor einem Jahr hatte die anwesende Regisseurin mit ihrem Film für Begeisterung gesorgt – aber auch für einige verstörte Gesichter.

Nejma (Oulaya Amamra) ist 22 Jahre alt und will in eine Welt einbrechen, die ihr eigentlich verschlossen ist: Sie will als erste Frau einen traditionsreichen Stierkampf-Wettbewerb in der Camargue gewinnen. Dafür trainiert sie hart, die als Hirtin auf einer Farm angestellt ist. Ihre Kollegen haben nichts gegen weibliche Konkurrenz, aber ihre Mutter ist dagegen.

Nach einem feuchtfröhlichen Abend, bei dem Nejma und ihre Freunde die für den nächsten Kampf vorgesehenen Stiere besichtigen, betritt die stark betrunkene Nejma allein das Stiergehege und verliert das Bewusstsein. Man findet sie später mit einigen leichten Verletzungen – aber sie kann sich an nichts erinnern. Im Lauf der Saison verschwinden immer wieder junge Männer in Nejmas Umkreis – und dann taucht die erste Leiche auf. Legenden von einer wilden Kreatur machen die Runde. Ein Stier als Werwolf? Unterdessen spürt Nejma immer mehr merkwürdige Dinge in ihrem Körper und Geist, ohne zu verstehen, was mit ihr geschieht…

Zum Hintergrund: Die sogenannte „Course Camarguaise“ ist eine Form des Stierlaufs, die einzigartig für die südfranzösische Region ist, in der die Regisseurin Emma Benestan aufwuchs. Die Camarguaise ist eher als Rennen denn als Kampf konzipiert und legt den Fokus auf Geschwindigkeit, Beweglichkeit und Mut, ohne dass der Stier dabei getötet wird. Hierbei werden an den Hörnern des Stiers verschiedene Elemente befestigt, die als Attribute bezeichnet werden. Die „Raseteure“ versuchen, diese Attribute mithilfe eines Hakens zu entfernen, um Punkte zu sammeln. Die Wettkämpfe werden regelmäßig durch Sprünge über die Barrieren unterbrochen, damit die Raseteure dem Stier entkommen können.

Emma Benestan weiß genau, was sie da erzählt und filmt. Das spürt man in jeder Sekunde des aufwühlenden Dramas. Und Nejmas ungebändigte Wildheit wird von Oulaya Amamra kongenial verkörpert. Hier haben sich Regisseurin und Hauptdarstellerin gefunden. Das ist Frauenpower pur!

ANIMALE wiegt uns zu Beginn in Sicherheit. In jeder Szene spüren wir: Natürlich schauen wir einen sehr realen, sehr actionreichen Stierkampf-Kracher. Doch dann setzen die ersten Irritationen ein, die einem den Boden unter den Füßen wegzieht. Allmählich spüren wir die Symbolik des Ganzen und sind in der Lage, die vielen Metaphern zu entschlüsseln. Und dann kommt der Schock! Vieles erinnert mich in seiner brutalen Konsequenz an „Titane“, Cannes-Gewinner von 2021 und einer der besten Filme des Jahres. Übrigens auch von einer Französin gedreht: Julia Ducournau!

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
ab16

Originaltitel

Animale (Belgien / Frankreich 2024)

Länge

100 Minuten

Genre

Drama / Fantasy

Regie

Emma Benestan

Drehbuch

Emma Benestan

Kamera / Bildgestaltung

Ruben Impens, SBC

Darsteller

Oulaya Amamra, Damien Rebattel, Vivien Rodriguez, Claude Chaballier, Elies-Morgan Admi-Bensellam, Pierre Roux, Marinette Rafai, Renaud Vinuesa

Verleih

Plaion Pictures GmbH

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