Was wir zu Beginn lesen, trifft den Nagel auf den Kopf: „Ein Hark Bohm Film von Fatih Akin“ – genau das ist AMRUM, der beim Filmfest Hamburg seine feierliche Deutschland-Premiere erlebte. In diesem historischen Drama erzählt der Hamburger Schauspieler, Drehbuchautor, Regisseur, Produzent und emeritierte Professor Hark Bohm (Jahrgang 1939) seine eigene Kindheit, die er auf der nordfriesischen Insel Amrum verbracht hatte.
Diese Kindheitserinnerungen wollte Bohm unbedingt selbst verfilmen, doch bei Drehbeginn 2023 fühlte er sich mit seinen damals 84 Jahren nicht mehr fit genug für die mehrwöchigen kräftezehrenden Dreharbeiten. Deshalb übergab er die Zügel seinem Meisterschüler Fatih Akin, derzeit Altonas wohl berühmtesten Bürger, der dankend annahm. Fast schon demütig inszenierte Akin diese Geschichte ganz im Stil Hark Bohms – mit dem Ergebnis, dass der bekannt virtuose Personalstil des Mannes aus Ottensen nur gelegentlich aufblitzte. Die historische Authentizität war ihm diesmal wichtiger.
Das ging so weit, dass viele der Personen meist ihr heimisches Friesisch sprechen. Auch Norddeutsche wie ich kennen diese Sprache nur noch von den Bahnhofsnamen, die auf dem Weg nach Sylt zweisprachig sind. So sind wir dankbar für die Untertitel. Und ich vermute, nicht wenige Schauspieler*innen hatten so ihre Probleme mit diesem fremden Idiom.
Frühjahr 1945, kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs: Die hochschwangere Hille Hagener (Laura Tonke) ist mit ihren drei Kindern vor dem Hamburger Feuersturm auf die Insel geflüchtet, während ihr Mann in Kriegsgefangenschaft ist. Die Familie lebt mit Hilles Schwester Ena (Lisa Hagmeister) im feudalen Wohnhaus ihrer Vorfahren, ehemaligen Walfängern; zwei gewaltige Walzähne zieren den Eingang.
Der zwölfjährige Nanning (Jasper Billerbeck) alias Hark Bohm, Hilles älterer Sohn, hilft zusammen mit seinem Freund Hermann (Kian Köppke) der Bäuerin Tessa (Diane Kruger) beim Einsetzen der Saatkartoffeln, während britische Bomber über ihre Köpfe donnern. Die ihre Familie mit Naziparolen traktierende Helle bringt ausgerechnet am Tag von Hitlers Selbstmord ihr Kind zur Welt und fällt danach in tiefe Depressionen. Die ihr angebotene karge Kost verweigert sie – ihr gelüstet nach einem Weißbrot mit Butter und Honig. Doch wie kann Nanning diese Zutaten beschaffen – in diesen schweren Zeiten?
Er entdeckt den Tauschhandel: Er geht mit dem Fischer Sam (Detlev Buck) auf nächtlichen Schollenfang und lernt die Robbenjagd. Er wandert für ein paar Gramm Zucker über das Watt zu seinem Nazionkel nach Föhr. Zurück geht er zu spät los und ertrinkt bei steigender Flut fast in einem Priel. In dieser dramatischen Sequenz spürt man Akins visuellen Elan besonders deutlich. Wie im Märchen präsentiert Nanning seiner Mutter tatsächlich das kostbare Geschenk – doch das Ganze geht nach hinten los…
Im Laufe des Films bekommt Nannings kleiner Bruder Macker (Tjard Nissen) von ihm eine saftige Ohrfeige – für uns Kinofans ein besondere Pointe: Diesen Macker kennen wir als Marquard Bohm (1941-2006) – eine Ikone des Neuen Deutschen Films („Rote Sonne“).
Die Zeit der „Stunde Null“ lässt Fatih Akin in Starbesetzung liebevoll wieder auferstehen. Zugegeben, Diane Krugers Auftritt als reichste Bäuerin der Insel ist eher klein – und Matthias Schweighöfer als US-Onkel Theo in einer Traumsequenz erleben wir gerade mal eine Minute. Wenn wir dann am Ende den echten Hark Bohm auf dem Kniepsand erleben, wie er ernst in die Kamera blickt, kommt Wehmut auf…
Fatih Aken hat diesen Blick auf eine Kindheit während des Zusammenbruchs von Nazideutschland ganz im Sinne der Filme von Hark Bohm inszeniert – fundiert, distanziert und dabei emotional zurückhaltend. Aber eben auch ein bisschen bieder und bräsig. Wie gut, dass Kameramann Karl Walter Lindenlaub auf dem heutigen Amrum noch vieles Alte entdeckt hat.
Amrum (Deutschland 2025)
93 Minuten
Drama
Fatih Akin
Fatih Akin, Hark Bohm
Karl Walter Lindenlaub
Jasper Billerbeck, Kian Köppke, Laura Tonke, Lisa Hagmeister, Diane Kruger, Detlev Buck, Lars Jessen
Warner Bros. Entertainment GmbH