Wie will man Kinogängern einen Film empfehlen, in dem einem jede einzelne Figur tierisch auf die Nerven geht und beim Zuschauer sogar Hassgefühle aufkommen? Das alles ist angereichert mit philosophischem Smalltalk und ohrenbetäubender Avantgarde-Musik. In AFTER THE HUNT von Luca Guadagnino, einer Mischung aus Thriller und Sozialdrama, kommt man nach 139 (!) Minuten wie erschlagen aus dem Kino. Trotz Starbesetzung mit Julia Roberts und Andrew Garfield fragt man sich: Was soll das?
„A rotten film about rotten people!“ So könnte der italienische Regisseur seinen in den USA gedrehten Film auf Englisch bezeichnen. Etwas ist faul in den Vereinigten Staaten von Amerika! Und genau das wollte Guadagnino beweisen und hat dafür unser Unwohlsein im Kinosaal mit-inszeniert. Was für ein genialer Einfall! Zu dumm, dass wohl nicht jeder Zuschauer bis zum Ende durchhalten wird…
Schon der Anfang ist eine Frechheit: Zu klassischer Jazzmusik laufen die Filmtitel in der exakt gleichen Schriftart und Reihenfolge ab wie in jedem Woody-Allen-Film. Will hier Guadagnino seinen berühmten Kollegen veräppeln oder seine Verehrung zeigen?
Alma Olsson (Julia Roberts) ist Philosophie-Professorin an der Yale-Universität und hofft auf eine Anstellung auf Lebenszeit. Sie hat einige ihrer besten Student*innen sowie ihren Kollegen und engen Freund Hank Gibson (Andrew Garfield) zum Abendessen in ihre prunkvolle Wohnung eingeladen. Während sich Alma und ihre Gäste die Namen von Foucault, Hegel, Heidegger und Adorno wie Bälle zuwerfen, kann sich ihr Ehemann Frederik (Michael Stuhlbarg), ein Psychotherapeut, als Außenseiter über diese bizarre Veranstaltung nur amüsieren.
Im Mittelpunkt des Abends steht die afroamerikanische Studentin Maggie Price (Ayo Edebiri), die angeblich zur Zeit die beste Dissertation der letzten 20 Jahre verfasst. Als sie austreten will, bittet Alma sie, das Gästeklo am Ende des Ganges zu benutzen. Maggie tastet sich durch den dunklen Flur und findet endlich das WC. Zu dumm, das Klopapier ist alle. So wühlt sie sich auf der Suche nach einer neuen Rolle durch die Badezimmerschränke – und findet einen clever versteckten Briefumschlag: darin ein Tuch, ein Foto und mehrere beschriebene Zettel. Einen davon steckt sie ein. Welches Geheimnis hütet Alma?
Maggie und Hank verlassen die Party gemeinsam – was Alma Sorgen macht: Sie kennt Hanks Frauenverschleiß. (Hier spielt Andrew Garfield wohl seine widerlichste Rolle.) Am nächsten Abend steht die heulende Maggie vor Almas Tür: Hank habe sie in der vergangenen Nacht vergewaltigt. Einen Tag später stellt die Professorin ihren Kollegen zur Rede. Er räumt zwar ein, in Maggies Wohnung gewesen zu sein, er habe ihr aber nur vorgeworfen, dass ihre Dissertation ein Plagiat sei. Daraufhin sei sie komplett ausgerastet. Mehr war nicht. Also Aussage gegen Aussage.
Die angebliche Tat macht die Runde, Hank wird gefeuert, und Alma will aus Karrieregründen keine Stellung beziehen. Außerdem ist ihre Ehe am Ende, ihr Mann verhält sich immer bizarrer: In der Küche dirigiert er Musik von John Adams bei voll aufgedrehten Lautsprechern. Und dann wird die alkoholkranke und drogenabhängige Alma auch noch dabei erwischt, wie sie bei ihrer Kollegin Kim (Chloë Sevigny), die Medizin lehrt, zwei Blanko-Rezepte klaut und einlöst.
Nach diesem Film müssen wir glauben: Nicht nur Yale, sondern die ganzen USA sind verrottet. Hier tun böse Menschen böse Dinge. Und Luca Guadagnino steckt als Italiener einen Finger in die Wunde. Er darf das! Sein Ansatz ist brutal und schwer zu ertragen. Immerhin: Als unsympathische, karrieregeile Frau spielt Julia Roberts die Rolle ihres Lebens.
AFTER THE HUNT ist eine Zumutung! Doch als Kinofan sollte man einen Versuch wagen!
P. S. Eines hat Luca Guadagnino mit Stanley Kubrick gemeinsam: Beide benutzen Avantgarde-Musik von György Ligeti, einem der größten Komponisten des 20. Jahrhunderts.
After the Hunt (USA 2025)
139 Minuten
Drama / Thriller
Luca Guadagnino
Nora Garrett
Malik Hassan Sayeed
Ayo Edebiri, Andrew Garfield, Julia Roberts, Chloë Sevigny, Michael Stuhlbarg
Sony Pictures Releasing GmbH