Der Endzeit-Horror-Thriller „28 Years Later“ von Danny Boyle deutete bereits auf die Fortsetzung 28 YEARS LATER: THE BONE TEMPLE hin: Eine wilde Szene mit der akrobatischen Killer-Gang rund um Sir Jimmy Crystal bildete einen knalligen Abschluss, der zugleich ein stilistischer Bruch war. Kein Wunder, denn den zweiten Teil der Trilogie hat die US-amerikanische Regisseurin Nia DaCosta inszeniert, die über eine eigene Handschrift verfügt.
Nachdem Spike (Alfie Williams) in „28 Years Later“ im postapokalyptischen England, in dem es zum Ausbruch des zombieähnlichen „Wut-Virus“ kam, sein Coming-of-Age hatte und um seine verstorbene Mutter trauern musste, ist er nun weit weg von seiner Heimatinsel. Er sieht er sich in 28 YEARS LATER: THE BONE TEMPLE dazu gezwungen, dem gewalttätigen Kult rund um den psychotischen Sir Jimmy Crystal (Jack O’Connell) beizutreten. Nächstenliebe zelebriert die Gang in blutigen Ritualen. Alle Mitglieder heißen Jimmy oder Jimmima und tragen blonde Kurzhaarperücken.
Die Gang erinnert wohl nicht von ungefähr an den Klassiker „Uhrwerk Orange“ von Meisterregisseur Stanley Kubrick aus dem Jahre 1971. Alex ist da der Anführer einer Jugendbande und zudem ein passionierter Beethoven-Liebhaber. Die Gang lebt in einem trostlosen, zukünftigen Vorort von London. Sie benutzt eine eigenwillige Sprache: einen von russischen Brocken und Cockney-Slang durchsetzten Jargon – „Nadsat“. Ihr Leben dreht sich um Gewalt gegenüber Wehrlosen, Schlägereien mit anderen Gangs, Raubüberfälle und Vergewaltigungen. Das Zelebrieren und lustvolle Genießen der Gewaltexzesse steht für den Anführer der Bande im Vordergrund. Seine eigene Sprache hat der religiöse Kult rund um Sir Jimmy Crystal auch.
Und die Geschichte von Dr. Ian Kelson (Ralph Fiennes) wird in 28 YEARS LATER: THE BONE TEMPLE fortgeführt. Der Arzt reibt sich mit Jod ein und zerlegt zigtausende tote Infizierte bis auf die Knochen, um diese zu Skulpturen zu verarbeiten. Das sieht schon imposant aus! Hat aber auch eine tiefere Bedeutung: „Memento Mori“ lautet hier das Schlagwort. Außerdem macht sich Kelson einen Alpha-Virus-Träger (das sind die grausamsten Infizierten, die gerne schon mal den Menschen die Köpfe vom Rumpf reißen) mit Psychopharmaka und Beruhigungsmitteln so gefügig, dass die beiden fast schon eine Bromance erleben und nackt miteinander tanzen oder gemeinsam benommen im Gras liegen. Es geht sogar soweit, dass sich Alpha Samson (Chi Lewis-Parry) wieder erinnert und sein erstes Wort spricht: „Mond“.
Die „Reise ins Herz der Finsternis“ (in Anlehnung an „Apocalypse Now“, den Antikriegsfilm zum Vietnamkrieg von Regisseur Francis Ford Coppola aus dem Jahr 1979) mit Dr. Ian Kelson geht weiter, als die Killer-Gang denkt, dieser sei Satan, den sie anbeten – verleitet durch das rote Jod auf seiner Haut. Kelson, der vorher schon ausgiebig zu „Girls on Film“ von Duran Duran getanzt hat (und außerdem ziemlich textsicher ist), stellt nun die großen Boxen draußen auf – und dreht „The Number of the Beast“, das dritte Studioalbum der britischen Heavy-Metal-Band Iron Maiden, voll auf! Da sind die Teufelsanbeter in ihrem Element, doch Kelson erkennt Spike wieder, der bereits mit seiner schwerkranken Mutter bei ihm war. Hier nimmt 28 YEARS LATER: THE BONE TEMPLE nochmal eine Wendung, die an dieser Stelle nicht verraten sei.
28 YEARS LATER: THE BONE TEMPLE geht der Frage nach, wer denn jetzt die wahren Bestien sind: Die Infizierten oder doch der Mensch? Religion und Wissenschaft treffen aufeinander! Drehbuchautor Alex Garland schrieb neben „28 Years Later“ mit 28 YEARS LATER: THE BONE TEMPLE auch den zweiten Teil der Trilogie, beide wurden gemeinsam back-to-back produziert. Da sich Boyle zunächst auf die Fertigstellung von „28 Years Later“ konzentrieren wollte, wurde die US-amerikanische Filmregisseurin Nia DaCosta („Little Woods“, „The Marvels“, „Hedda“) als Regisseurin für die Fortsetzung verpflichtet.
Mit dem Horror-Thriller „Candyman“, für den sie gemeinsam mit Jordan Peele und Win Rosenfeld auch das Drehbuch schrieb, bewies DaCosta bereits ein gutes Händchen für Horrorstoffe. Während Danny Boyle in „28 Years Later“ seinen typischen Stakkato-Stil mit viel Alpha-Zombie-Action zelebrierte, die vor allem mit Smartphones (natürlich mit Top-Objektiven) gefilmt wurde (was auf „28 Days Later“, den ersten Teil des Franchise verweist), schuf Kameramann Sean Bobbitt in 28 YEARS LATER: THE BONE TEMPLE Bilder, die nicht diesen digitalen Look haben, sondern in ihrer cineastischen Ausgestaltung eine gewaltigere Wucht entfalten!
DaCosta liefert harte Genre-Kost, die nichts für Weicheier ist (FSK 18), doch glänzt auch immer wieder mit elegischen Momenten und Witz in der Inszenierung. Neben der Filmmusik der klassisch ausgebildeten isländischen Cellistin und Komponistin Hildur Guðnadóttir (für ihre Arbeit an der DC-Comicverfilmung „Joker“ bekam sie den Oscar für die „Beste Filmmusik“) überzeugt in 28 YEARS LATER: THE BONE TEMPLE auch der Einsatz von Popmusik der 1980er und satanistischer Heavy-Metal-Klänge. Die Gegenspieler Ralph Fiennes („Konklave“) und Jack O’Connell („Blood & Sinners“) spielen stark, die Geschichte ist dicht verwoben und macht Lust auf mehr!
Ein dritter Film innerhalb der „28-Years-Later“-Trilogie soll sich verstärkt auf den von Cillian Murphy verkörperten ehemaligen Fahrradkurier Jim fokussieren, was in 28 YEARS LATER: THE BONE TEMPLE bereits angedeutet wird. Im Dezember 2025 wurde bestätigt, dass der dritte Teil grünes Licht bekommen hat und sich offiziell in der Entwicklung befindet.
28 Years Later: The Bone Temple (USA 2025)
110 Minuten
Horror
Nia DaCosta
Alex Garland
Sean Bobbitt
Ralph Fiennes, Jack O’Connell, Alfie Williams, Erin Kellyman, Chi Lewis-Parry
Sony Pictures Releasing GmbH