Simpel

Kinostart: 09.11.2017

OT: Simpel (Deutschland 2016)
Länge: 106 Minuten
Genre: Drama
Regie: Markus Goller
Drehbuch: Dirk Ahner, Markus Goller
Darsteller: David Kross, Frederick Lau, Emilia Schüle, Devid Striesow, Axel Stein, Anneke Kim Sarnau, Annette Frier
Verleih: Universum Film GmbH

Seit Ben (Frederick Lau) denken kann, sind er und sein Bruder Barnabas ein Herz und eine Seele. Barnabas, „Simpel“ genannt (David Kross), ist 22 Jahre alt, aber geistig auf dem Stand eines Kindes. Quasilorten (Erdbeeren) sind sein Lieblingsessen und draußen im Watt entdeckt er mit seinem Stofftier Monsieur Hasehase neue Kontinente. Simpel ist anders und oft anstrengend, aber ein Leben ohne ihn ist für Ben unvorstellbar. Als ihre Mutter unerwartet stirbt, soll Simpel in ein Heim eingewiesen werden. 

Die einzige Person, die diesen Beschluss rückgängig machen könnte, ist ihr Vater David (Devid Striesow), zu dem die Brüder seit 15 Jahren keinen Kontakt mehr hatten. Die Suche nach ihm entwickelt sich zu einer turbulenten Odyssee, bei der Simpel und Ben auf die Medizinstudentin Aria (Emilia Schüle) und ihren Kumpel, den Sanitäter Enzo (Axel Stein) treffen. Keiner der vier ahnt, dass sich hier eine große Freundschaft entwickelt – und vielleicht ein bisschen mehr. Gemeinsam fahren sie in die große Hansestadt, wo Simpel die Bekanntschaft mit Chantal vom Kiez macht und bei einem Koch-Versuch Arias Küche in Flammen setzt, während Ben ihren Vater David aufsucht und eine Entscheidung treffen muss, die ihm keiner abnehmen kann.

Kritik

Es geht also doch! Man kann einen Film über einen geistig behinderten Menschen drehen, ohne dabei die große Moralkeule auszupacken. SIMPEL zeigt das überhaus deutlich… 

Eigentlich gefällt mir allein schon das Wort „behindert“ überhaupt nicht. In Großbritannien ist man da schon ein Stüclchen weiter, denn dort sagt man einfach nur „he has learning disabilies“, spricht also von „Lernschwächen“. Das ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, als ich vor zwei Jahren beim Edinburgh International Film Festival den Film CHICKEN, das Regiedebut des seinerzeit 19-jährigen Joe Stephenson gesehen habe. Der Film hat eine ähnliche Herangehensweise an das Thema wie SIMPEL – man sagt einfach, er ist behindert, so what? 

Aber wenn wir ehrlich sind, dann geht es in SIMPEL auch gar nicht um den Behinderten selbst, sondern um die Menschen um ihn herum, denn die – und allen voran sein Bruder Ben – machen die eigentliche Reise und entwickeln sich weiter. Regisseur Markus Goller findet dafür nicht nur die richtigen Worte, sondern auch wunderbare Bilder. Sei es ein „Ausflug“ ins Wattenmeer bei eisigen Temperaturen oder auch einfach nur unser schönes Hamburg. Dazu noch das spröde, aber immer liebenswerte Auftreten von Frederick Lau und das auf den Punkt gebrachte Spiel von David Kross – all das macht aus SIMPEL einen wunderschönen Film. 

Der Grat zwischen der glaubwürdigen Darstellung eines Behinderten und der Überspitzung oder Überdramatisierung ist ein verdammt schmaler. David Kross meistert diesen Weg auf bravoröse Art und Weise und kann zu Recht auf seine Performance stolz sein. Zu keinem Zeitpunkt lässt er seine Figur übertreiben oder gar ich verändern. Ebenso lacht Regisseur Markus Goller nicht über seine Figuren, sondern ausschließlich mit ihnen. Das steigert die Sympathie und das Mitgefühl beim Zuschauer ungemein. 

Aber es gibt noch jemanden, der im Film zu überraschen weiß: Emilia Schüle. Kannte man sie bislang eigentlich immer nur als „die Tochter“ oder „die Schülerin“, ist sie in SIMPEL endlich mal in einer echten „Erwachsenenrolle“ zu sehen. Eine junge Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht – wenn auch erst am Anfang. Es ist sehr angenehm, diese Entwicklung zu sehen und erkennen zu können, dass sie auch eine solche Rolle mit absoluter Glaubwürdigkeit ausfüllen kann. 

All das macht SIMPEL zu einem wunderschönen Film, der ohne den sonst üblichen erhobenen Zeigefinger auskommt. Schön, dass es solche Film gibt. Nun geht hin und schaut diesen Film!

Interviews

Auf dem Filmfest Hamburg feierte SIMPEL seine Deutschlandpremiere. Ich habe die Gelegenheit genutzt und mich mit Markus Goller und David Kross über ihr kleines Meisterwerk unterhalten:

Bildergalerie

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Filmplakat

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