SCHÄNDUNG: Interview mit Nikolaj Lie Kaas

Einen Tag nach der Premiere des Filmes SCHÄNDUNG, dem zweiten Teils der Jussi Adler-Olsen Reihe nach ERBARMEN haben wir den Schauspieler Nikolaj Lie Kaas zum Interview getroffen und mit ihm über seine Karriere, die Filmszene in Dänemark und natürlich auch über seinen aktuellen Film gesprochen. 

Wie haben Sie den Empfang des Filmes gestern Abend empfunden?

Der Empfang war wirklich toll. Ich hoffe, dass die Leute es auch ernst meinen, wenn sie sagen, dass ihnen der Film sogar besser gefallen hat, als der erste. Ich hoffe, dass wir die Leute auch im nächsten Jahr überraschen können.

Gefällt Ihnen persönlich denn dieser Film auch besser?

Ja, aber ich musste ihn erst richtig verstehen. Ich habe ihn inzwischen mehrfach gesehen und mag ihn wirklich sehr. Ich schaue mich dabei gar nicht einmal selbst an, sondern vielmehr, wie die Charaktere miteinander interagieren und die einzelnen Storyteile festigen. Gestern Abend konnte ich den Film dann auch das allererste Mal sehen, ohne dabei an Arbeit denken zu müssen.

Beide Teile der Jussi-Adler-Olsen-Reihe haben ihre Premiere hier auf dem Filmfest Hamburg gefeiert. Können wir jetzt für die Zukunft eine Art Tradition erwarten?

Ich bin vertraglich an mindestens vier Filme gebunden, sofern die entsprechende Finanzierung zustande kommt. Ich hoffe aber, dass das geschehen wird. Beim nächsten Film wird dann der bisherige Drehbuchautor Nikolaj Arcel Regie führen, da Mikkel Nørgaard zu dem Zeitpunkt die Fortsetzung zu seinem Film KLOVN (2010) drehen wird.

Die ersten beiden Teile wurden direkt hintereinander gedreht. Während Sie den ersten Film hier vorgestellt haben, liefen bereits die Dreharbeiten am zweiten Teil, oder?

Ich selbst nicht habe nicht direkt hintereinander an den Filmen gearbeitet, aber Mikkel Nørgaard schon. Während der Dreharbeiten des zweiten Teils haben wir eine Woche pausiert, um die Pressearbeit für den ersten Film zu machen. Das klingt auf den ersten Blick wie direkt hintereinander gedreht, aber so war es wohl nur für Mikkel. Ich hatte mindestens ein halbes Jahr Pause dazwischen.

Im ersten Teil sehen wir, wie Carl seinen ehemaligen Partner im Krankenhaus besucht. Jetzt sieht man diese Figur überhaupt nicht mehr. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Ich glaube, es gibt dieses Mal einfach keine Zeit dafür. Er wird aber vielleicht im dritten Teil zurückkehren, denn ich glaube, dass wir ihn hin und wieder brauchen. Es ist wie mit einem Gang in die Kirche, der manchmal notwendig ist, um mit Gott oder sich selbst ins Reine zu kommen. In gewissem Sinne hat Assad diese Rolle im neuen Film übernommen und war für Carl so etwas wie ein Mentor oder eine Art Beichtstuhl.

Haben Sie schon die Drehbücher für die nächsten beiden Teile gesehen?

Nein, die sind bislang noch gar nicht fetiggestellt. Wir haben aber darüber gesprochen und diskutiert, was darin wichtig sein sollte.

Werden Sie denn dazu um Rat gefragt?

Oh ja, und das ist ja das Tolle. Wir diskutieren sehr viel über die Geschichte und für diesen Film habe ich sogar eine ganze Menge Szenen umgeschrieben. Mikkel ist sehr beschäftigt und hat mitunter nicht die Zeit, alles komplett zu übersehen. So muss man ihm zweitweise einfach unter die Arme greifen und dann diskutieren wir darüber. Als Regisseur muss man seinen Schauspielern natürlich vertrauen. Manchmal gibt es natürlich auch keinen Grund dafür und wir kommen mit vielleicht lächerlichen Ideen daher, aber insgesamt ist das schon förderlich für den Film.

Können Sie sich vorstellen, eigene Drehbücher zu schreiben?

Nun, ich habe bereits ein wenig für andere geschrieben und mir macht das durchaus Spaß. Bei einem Filmn wie diesem ist das recht offensichtlich, denn hier kann man wenig improvisieren. Dazu ist der Film viel zu fiktional. Man kann hier nicht einfac eine Szene drehen und dann schauen, was dabei herauskommt, sondern muss viel kontrollierter herangehen. Aber ja, ich würde gerne mehr Drehbücher schreiben.

Wie sehr war Jussi Adler-Olsen in den Film involviert?

Ich würde sagen nicht sehr viel. Ich habe nur gehört, dass er meine und Fares Fares Arbeit am ersten Teil mochte. Für den Regisseur war es sicherlich wichtig, den Film von den Büchern zu trennen. Einen Film zu drehen ist immer ein Kompromiss, denn man kann keine 400 Seiten 1:1 umsetzen. So muss man als Drehbuchautor immer vieles aus dem Buch streichen und genau wissen, was man dem Zuschauer erzählen will.

Ist es ein Problem, dass die Zuschauer aufgrund der Bücher dem Film gewisse Erwartungen entgegenbringen?

Ja, das haben sie in der Tat. Aber das ist gut, denn das heißt, dass es ihnen etwas bedeutet. So sehe ich das zumindest. Nach der Premiere des ersten Teils habe ich viele positive Reaktionen erhalten. Carl Møck ist in den Büchern zwischen 55 und 60 Jahre alt und so alt bin ich ja offensichtlich nicht. Auch wenn Sie das erstaunen mag. (lacht) Das war Mikkels Idee, der bereits sein einem Jahr am casten war, bevor ich zu dem Film kam. Er suchte bis dahin nach einem Schauspieler in diesem Altersbereich, aber als ich dann zufällig über meinen Manager zu dem Projekt kam, hatte Mikkel die Idee, einen Jüngeren zu nehmen, der sein Leben quasi bereits aufgegeben hatte, anstatt eines Mannes am Ende seines Lebens, der viel leichter aufzugeben bereit wäre. Es ist viel interessanter, einen Menschen zu nehmen, der durchaus noch die Möglichkeit hat, eine Beziehung oder die Liebe oder gar den Sinn des Lebens zu finden.

Können Sie irgendwelche Szene aufzählen, die in Hamburg gedreht worden sind?

Es gab zum Beispiel die Szene im Eisenbahnwaggon, in dem Kimmie lebt. Das wurde hier am Hafen gedreht.

Sie arbeiten bereits seit mehr als zwanzig Jahren als Schauspieler und erleben jetzt wahrscheinlich selbst dieses neue Generation von Regisseuren. Was hat sich aus Ihrer Perspektive heraus verändert?

Das ist eine interessante Frage. Es gibt eine Menge Leute, die von der Fiktion weggehen und sich verstärkt für wahre Geschichten interessieren. Da gibt es beispielsweise das Thema Krieg in Dänemark und einen jungen Regisseur, der sehr daran interessiert ist, das wahre Geschehen auf die Leinwand zu bannen. Das ist äußerst interessant, denn die Zuschauer scheinen das zu mögen. Vor einigen Jahren gab es z.B. die PUSHER-Filme, die sich zu dem Zeitpunkt auch extrem real angefühlt haben. Junge Menschen interessieren sich heute viel mehr für die Geschichten und weniger für gute Bilder oder Einstellungen. Zumindest in Dänemark.

Wann beginnen denn die Dreharbeiten für den dritten Teil?

Dazu müssen wir erst einmal alle unsere Kalender in Einklang bringen, aber ich tippe auf Ende des Frühlings.

Sie sind auch im TV-Bereich tätig. Gibt es irgendwelche interessanten Serien, die auf uns zukommen?

Es gibt eine Serie mit dem Titel BEDRAGET, an der ich mitwirke, aber die erscheint erst 2016.

2016? So spät?

Ja, das liegt daran, dass der Slot im TV für die Ausstrahlung erst frei werden muss. Wir haben die Serie aber bereits gedreht. Es geht dabei um einen Finanzbetrug. Es tauchen darin keine Waffen auf, sondern nur Menschen, die sich gegenseitig betrügen. Ich habe gerade die ersten beiden Episoden im Rohschnitt gesehen und war wirklich extrem überrascht.

Dann gibt es noch THE HERITAGE, die bereits gestartet ist. Darin geht es um einen Familie, die auseinander fällt. Die Serie ist in Dänemark ein ziemlicher Erfolg

Das hört sich an, als ob nicht nur die Regisseure, sondern auch die Zuschauern an Geschichten interessiert sind, die mitten im Leben spielen?

Oh ja, das ist absolut korrekt. Wahrscheinlich sind die Leute von Krimis ermüdet. Irgendwann hat jeder genug von einem Thema. Das ist aber auch ein aufregendes Genre, denn es ist sehr leicht zu erzählen, da die Prämisse sehr einfach ist. Es gibt einen Mörder und den gilt es zu fangen. Wer mag das nicht? Aktuell interessieren sich die Zuschauer aber mehr für Inhalte und die Geschichten, die Menschen haben.

Sie haben auch in den Filmen IN CHINA ESSEN SIE HUNDE und OLD MEN IN NEW CARS mitgespielt. Vom Regisseur Lasse Spang Olsen hat man in letzter Zeit recht wenig gehört. Wissen Sie, ob er noch Filme dreht?

Offensichlich, denn wir versuchen gerade, ein Sequel auf die Beine zu stellen. Wir haben schon sehr oft darüber gesprochen und das Thema kommt mindestens alls ein bis zwei Jahre auf. Ich liebe Lasse über alles und er kann machen was er will, abver ich glaube, dass das aktuell nichts für mich ist. Ich bin an dieser Stelle schon viel zu oft gewesen und damals hat das auch unendlich viel Spaß gemacht, aber da war ich auch noch jünger.

Sind Sie optimistisch in Bezug auf die Zukunft des dänischen Kinos oder ist das alles schwieriger geworden?

Wir brauchen gewisse Beschränkungen, denn gute Stoffe entstehen aus Problemen heraus. Die Dogma-Bewegung zum Beispiel entstand durch finanzielle Probleme. Wir brauchen Menschen, die irgendwelche Blasen zum Platzen bringen wollen und dazu sind Einschränkungen gut. Uns fehlen in Dänemark ein wenig die Gründe, Geschichten zu erzählen, für die es sich zu kämpfen lohnt. Daher können finanzielle Probleme durchaus der Auslöser für gute Filme sein. Ich bin aber schon immer stolz darauf, dass wir als solch kleines Land das Potential haben, gute Geschichten zu erzählen. Genauso wie wir im Fußball gegen Brasilien spielen und ich erstaunt bin, dass wir überhaupt elf gute Spieler finden konnten. Als kleines Land muss man sich eben umso mehr auf der Landkarte behaupten.

Werden Sie sich noch andere Filme auf dem Filmfest Hamburg ansehen?

Leider nein, da ich in einer halben Stunde abreise. Aber ich würde sehr gerne, da ich gestern Abend mit vielen Regisseuren und Schauspielern gesprochen habe und viele gute Geschichten gehört habe. Das Gute an Filmfestivals ist ja, dass man Filme zu sehen bekommen, die man sonst niemals sehen würde.

Vielen Dank für das Interview.

 

Das Interview haben wir am 27.09.2014 im Rahmen des Filmfests Hamburg geführt.

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