Interview mit François Damiens

Mathias Wagner, Torsten Ufer gefällt dieser Artikel

Am 5. März 2015 startet die wunderbare Familienkomödie VERSTEHEN SIE DIE BÉLIERS? in den deutschen Kinos. nochnfilm.de hatte die Ehre, den Schauspieler François Damiens in Paris zum Interview zu treffen und mit ihm über den Film zu sprechen. Im Film spielt Damiens den taubstummen Vater der Familie Bélier.

 

Zuerst einmal recht vielen Dank für diesen wunderbaren Film! Wie sind Sie zu diesem Film gekommen? Hat Regisseur Eric Lartigau Sie ausgesucht oder haben Sie sich beworben?

Vor drei oder vier Jahren habe ich den Regisseur schon einmal in genau diesem Hotel kennengelernt, was jetzt äußert witzig ist. Dabei ging es aber um ein sehr persönliches Projekt. Dann habe ich einen Film mit dem Titel „Je fais le mort“ (2013) in den Alpen gedreht und direkt im Anschluss das Angebot für diesen Film erhalten. Ich habe das Drehbuch gelesen und sofort das Potential erkannt. Das mag vielleicht ein bisschen hochgestochen klingen, aber ich habe sofort gespürt, dass das hier ein ganz besonderes Universum ist. Es geht um diese Familie von Taubstummen, in der das Mädchen die einzige ist, die normal hören und sprechen kann. Die Familie möchte natürlich nicht, dass das Mädchen sie verlässt und da habe ich erkannt, dass es da viele interessante Situationen gibt, aus denen man einiges machen kann. Außerdem hat die Geschichte Humor – und genau nicht diese Art von Humor, bei der man die Leute zum Lachen bringt, weil man sie zum Lachen bringen will. Diese Art von Humor finde ich persönlich nämlich immer ein bisschen fragwürdig. Aber hier stand etwas ganz anderes im Zentrum.

Wie würden Sie Ihre Figur im Film beschreiben.

Ich würde ihn als jemanden beschreiben, der einen harten Kern hat, darunter allerdings ein sehr großes Herz, und der Schwierigkeiten hat, seien Gefühle zu zeigen. Er ist jemand, der sehr stolz ist und er will auf keinen Fall als weniger wert angesehen werden, als andere Menschen und das macht ihn manchmal halt auch ein wenig aggressiv.

Wie groß war die Herausforderung, einen gehörlosen Vater zu spielen?

Am schwierigsten war es, dass ich nicht reden durfte, denn ich rede sehr gerne! Normalerweise eigne ich mir einen Text an, lerne den Text auswendig und dann kann ich improvisieren und persönliche Dinge hinzufügen. Das konnte ich hier überhaupt nicht machen und das war für mich die große Schwierigkeit.

Verstehen-Sie-die-Beliers---Interview-2Haben Sie die Zeichensprache extra für diesen Film gelernt?

Ja, ganze sechs Monate lang habe ich die Zeichensprache gerlernt. Zuerst gab es zwei Monate lang eine Art Einführung, um überhaupt die Grundlagen zu lernen und zwei Monate haben wir dann an meinem Text gearbeitet. Ich habe aber auch den Text der anderen gelernt, damit ich überhaupt in der Lage bin, zu reagieren. Schließlich unterbricht man sich ja auch mal und so konnte ich mehr auf das Spiel der anderen eingehen.

Heißt das denn, dass Sie sich jetzt problemlos mit einem Gehörlosen unterhalten können?

Nein, leider nicht. Man sagt, dass man gute drei Jahre braucht, um die Gebärdensprache zu erlernen und inzwischen ist das auch schon wieder anderthalb Jahre her. Dadurch ist mein Vokabular jetzt schon wieder ziemlich beschränkt. Aber ich wäre durchaus in der Lage, mir ein Bier zu bestellen (macht das Zeichen für Bier).

Inwieweit unterscheidet sich die französische Gebärdensprache von der belgischen? Gibt es überhaupt Unterschiede?

Jedes Land hat in der Tat seine eigene Gebärdensprache. Dabei sind die Zeichen für ein und dasselbe meist komplett unterschiedlich.

Ist es realistisch, dass man als Taubstummer existenziell auf die Hilfe von Hörenden/ Sprechenden angewiesen ist? Oder dient die Behinderung der Eltern nicht in erster Linie dazu, konkret darzustellen, wie sehr Eltern mit ihren eigenen Bedürfnissen ihren Kindern bei der Persönlichkeitsentfaltung im Wege stehen können?

Generell ist es ja so, dass man, wenn man eigene Kinder hat, sich Mühe gibt, damit diese so unabhängig wie möglich aufwachsen. Schließlich sollen sie ja irgendwann das Haus verlassen und autonom sein. Das ist natürlich immer ein sehr schmerzvoller Prozess. In diesem Film wird das noch mal verstärkt, weil das Mädchen mit ihren 14 Jahren sehr jung ist. Und dann geht sie auch noch sehr weit weg und die Familie lebt ja auch sehr zurückgezogen.

Soll der Film eventuell auf Missstände in der französischen Versorgungs-/Gesundheitpolitik gegenüber Behinderten/ Taubstummen hinweisen

Das war eigentlich nicht die Absicht. Die Drehbuchautorin hat schon einige Dinge selbst erlebt, es gibt also durchaus autobiographische Elemente, aber man wollte eigentlich niemanden angreifen.

Wo wurde der Film gedreht?

Wir haben den Film im Norden der Bretagne gedreht.

Da Eric Lartigau heute leider nicht hier ist, können Sie vielleicht ein wenig mehr über den Film erzählen? Wissen Sie, wie er auf das Drehbuch gestoßen ist?

Der Produzent des Filmes hat ihm das Drehbuch angeboten und da Eric Lartigau sowieso gerne einen Film über eine Familie machen wollte und ihm das Drehbich gefallen hat, hat er zugesagt. Er hat das Drehbuch dann aber noch mit einem Co-Autoren überarbeitet.

Wie war die Arbeit mit Louane Emera? Sie ist ja keine gelernte Schauspielerin, wirkt im Film aber unglaublich charmant und liebenswert.

Ich finde, dass Louane diejenige ist, die bei diesem Film am meisten gearbeitet hat. Ich empfinde es sogar als Pluspunkt, dass sie keine ausgebildete Schauspielerin ist, schließlich musste sie weitaus mehr machen, als alle anderen: Sie musste die Zeichensprache lernen, sie musste singen lernen und sie musste – weil sie permanent übersetzt – die Texte der anderen noch dazu lernen. Außerdem musste sie während des Singens in Gebärdensprache sprechen, was unglaublich kompliziert ist, weil die Syntax der Gebärdensprache das komplette Gegenteil der gesprochenen Sprache ist. Und als wenn das nicht schon enorm genug ist, ist sie parallel auch noch zur Schule gegangen. Das war also schon eine ziemliche Leistung.

Haben Sie während des Drehs noch das Drehbuch verändert?

Vielleicht wurde hier und dort mal ein Wort geändert, aber ansonsten überhaupt nicht.

Bei der Recherche bin ich immer wieder auf den Namen François L’embrouille gestoßen. Was hat es damit auf sich?

(zuckt mit den Achseln, schaut unschuldig, bricht dann aber in schallendes Gelächter aus.)

In Belgien moderiere ich seit vielen Jahren die versteckte Kamera und das ist der Name der Figur, die ich in der Sendung entwickelt habe.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Ich habe gerade einen Film mit dem Titel „Les Cowboys“ mit Thomas Bidegain gedreht, der übrigens auch an diesem Film am Drehbuch mitgearbeitet hat. Im Film geht es um einen Vater, der seine Tochter sucht, die sich dem Djihad angeschlossen hat.

Vielen Dank für das Interview.

 

Das Interview haben wir am 9. Dezember 2014 im Hotel Park Hyatt in Paris am Vorabend der französischen Premiere geführt. 

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