Interview mit Anton Corbijn

Am 11. September 2014 startet mit A MOST WANTED MAN der neue Film von Anton Corbijn in den deutschen Kinos und wir haben uns mit dem holländischen Regisseur in Hamburg kurz vor der Deutschlandpremiere getroffen und uns mit ihm über seinen Film unterhalten. Der Ort des Interviews hätte dabei nicht passender sein können, denn wir befinden uns direkt gegenüber der Laizhalle im Brahms Kontor in den Räumlichkeiten, die im Film als Büro des Bankiers Thomas Brue (Willem Dafoe) dienten. 

 

Was hat Sie an John le Carrés Roman gereizt? Warum wollten Sie ihn unbedingt umsetzen?

Eigentlich war es das Thema die Polarisation der Welt nach dem 11. September, in der wir uns sehr schnell ein Urteil über andere Menschen bilden. Diese Polarisation geschieht im Moment in einer unglaublichen Geschwindigkeit. Im Film diskutieren Bachmann (Philip Seymour Hoffman) und der Vertreter der CIA darüber, wann ein Mensch wirklich böse ist. Wenn ein Mensch zu einem Prozent böse ist, dann denken viele, dass die gesamte Person böse ist. Es gibt also eine echte Schwarz/Weiss Situation und nur sehr wenige Grautöne. Ich finde es beängstigend, wie schnell wir Menschen verurteilen, denn das führt nur zu weiteren extremen Situationen. Das ist etwas, das mich täglich interessiert und ich bin diebezüglich auch sehr pessimistisch. Daher spielt der Film auch im Herbst, denn ich glaube, die Menschheit betritt gerade selbst ihren eigenen Herbst. Außerdem gefällt mir das Farbschema dieser Jahreszeit, das Gelb, das Braun, das Grün und hier und da ein paar kältere Farbtöne.

Haben Sie die Handlung verändert und falls ja, was und warum?

Wir haben die Story natürlich ein wenig verändert, denn schließlich handelt es sich um ein sehr dickes Buch mit vielen komplexen Ebenen. Um das dann in einen Film verwandeln zu können, mussten wir uns von einigen Teilen verabschieden und die Story vereinbaren. So haben haben wir z.B. Bachmann zur zentralen Figur gemacht. Aber ich denke nicht, dass wir das Grundthema verändert haben.

Sie haben 1983 Ihr erstes Musikvideo hier in Hamburg gedreht Können Sie beschreiben, wie sich die Stadt in den 30 Jahren verändert hat?

Das ist sehr schwer zu beantworten, denn als ich vor 30 Jahren hier war, habe ich die Stadt nicht so sehr registriert, dass ich mich jetzt so genau daran erinnern könnte. Außerdem war ich in der Zwischenzeit immer mal wieder in dieser Stadt. 1983 waren wir zwei Wochen mit Palis Schaumburg in Hamburg und haben an der Rothenbaumchausse gedreht. Ich bin jetzt wieder durch die Straße gefahren und finde, dass sie – abgesehen von ein paar wenigen neuen Gebäuden – noch immer genauso aussieht. Ich glaube die größte Veränderung hat Hamburg in der Nähe des Hafens erfahren, denn dort wurde das gesamte Gebiet gentrifiziert. Wo es früher anarchistisch zuging leben jetzt viele Yuppies.

Also gefällt Ihnen der neue Stadteil, die HafenCity nicht?

Das sind ausschließlich neu Gebäude und keine alten. Ich bin in der Nähe von Rotterdam aufgewachsen und für mich sind Häfen unglaublich interessant. Sie werden von Übersee beeinflusst und es bewegt sich ständig etwas. Ich verstehe, dass Menschen am Wasser leben möchten, denn am Wasser zu leben ist wunderbar. Im Film habe ich bewusst einen Kontrast gesetzt zwischen den reichen Stadtteilen wie Blankenese und den Stadtteilen, in denen vielleicht mehr Immigranten leben. Dort ist es ein wenig heruntergekommener, es gibt mehr Grafitti und es ist alternativer. Mir gefällt es, dass es in Hamburg beide Arten gibt. Was für mich aber das Besondere an Hamburg war, dass es sonst niemand in Filmen verwendet. Alles, auf das ich meine Kamera richte, ist neu für die Menschen, die den Film schauen – solange man nicht aus Hamburg kommt. In der Welt haben Sie davon noch gar nichts gesehen. Wenn man einen Film in Rom oder London dreht, dann erkennt man alles und projeziert seine eigenen Erinnerungen darauf. Das ist für mich das Wundervolle an Hamburg.

Haben Sie einen Lieblingsplatz hier in Hamburg?

Ich mag eigentlich am liebsten den Hafen und die Alster. Ich habe in St. Georg gewohnt und mir hat der Mix im Stadtteil sehr gefallen. Es wechselt sehr schnell von nobel zu bizarr. Ich habe in einer Wohnung gelebt, die gegenüber von einem Sexclub mit dem Namen S.L.U.T. lag und im selben Gebäude befand sich eine islamische Gruppe. Das ist dieser interessante Kontrast, den es hier in Hamburg gibt.

Gerade als Hamburger merkt man, dass der Film wirklich vor Ort gedreht wurde und nicht aus Kostengründen irgendwo anders. War Ihnen das wichtig?

Ja, denn ich bin ein Fotograf, der gerne echte Situationen und Locations benutzt. Es hat mir z.B. gefallen, dass wir im Batman Café am Steindamm drehen durften, denn Mohammed Atta – der Typ, der sich diesen ganzen Plan ausgedacht hat, in die Twin Towers zu fliegen – hat dort jeden Tag seinen Kaffee getrunken. Es ist interessant, so nah an diesen Dingen sein zu können.

Wie lange habe die Dreharbeiten in Hamburg gedauert?

Das waren etwa zwei Monate, aber ich war insgesamt ein halbes Jahr hier.

Sie nutzen im Film weniger die bekannten Hamburg-Motive, sondern eher sehr viel düstere Plätze. Wie haben Sie diese besonderen Drehorte gefunden?

Die kommen von ganz alleine zu mir (lacht). Ich muss dazu sagen, dass es eine ganze tolle Szene an der Alster gab, aber die mussten wir am Ende herausschneiden. So sieht man am Ende nur Rachel McAdams an der Alster vorbeiradeln. Ich fühle mich auch mehr von Orten angezogen, die etwas aus dem Leben erzählen und nicht nur schön sind.

Wie war die Zusammenarbeit mit Philipp Seymour Hoffman? Was für ein Mensch war er vor und hinter der Kamera?

Er war ein unglaublicher Mensch. Punkt. Ich habe ihn wirklich sehr geliebt, das muss ich zugeben. Als Schauspieler hat er immer alles gegeben und die Aufrichtigkeit seiner Rolle angestrebt und für eine solche Rolle braucht man auch einen Schauspieler, der den Charakter zu 100 Prozent auf Film bannen kann. Das ist eine Eigenschaft, die Ergebnisse hervorbringt. Es gibt nur wenige Schauspieler seines Kalibers, die dazu in der Lage sind und das macht ihn auch so unglaublich einzigartig. Seit seinem Tod habe ich mir fast alle seine Filme angeschaut und so wurde mir immer klarer, was für ein Verlust das für die Filmwelt ist. Einer der Gründe, warum ich so viel Promotion für den Film mache ist, dass ich die Leute wissen lassen möchte, was für ein großartiger Schauspieler Philip in dieser Rolle war. Ich glaube, er war wirklich herausragend.

Sie haben erwähnt, dass niemand im Ausland Hamburg kennt. Wie würden Sie die Atmophäre hier jemandem beschreiben, der noch nie hier gewesen ist?

Es gibt hier irgendwie zwei Welten. Hamburg ist eine sehr reiche Stadt mit vielen reichen Menschen, die sehr wenig tun, was für die Welt von Bedeutung wäre. Die arbeitende Bevölkerung hingegen in den Stadtteilen, in denen wir gedreht haben, scheinen nicht zu diesem Leben zu gehören. Aber trotzdem ist Hamburg ein sehr angenehmer Ort und ich bin hier sehr viel Rad gefahren, was vielleicht typisch ist für einen Holländer. Als mein letzter Film THE AMERICAN herauskam, war ich hier zusammen mit dem Drehbuchautoren, der aus Australien kommt, um uns die Stadt anzusehen. Daran kann ich mich noch erinnern, weil der Film hier in den Kinos lief. Ich schlug also vor, dass wir uns einfach ein Fahrrad ausleihen und er sagte nur „Wirklich“? „Natürlich“ habe ich erwidert, denn das ist die beste Art und Weise, eine Stadt zu erkunden. Mir war aber nicht klar, dass er als Australier nicht an das Fahrradfahren gewöhnt war. So fuhr er am Ende des Tages nur noch im Stehen, weil er einfach nicht mehr auf dem Sattel sitzen konnte. Für mich als Holländer war das natürlich überhaupt kein Problem. Auch während des Drehs und in der Vorbereitungszeit hatte ich hier ein Fahrrad und bin überall hingeradelt. Ich habe viele gute Erinnerungen an Hamburg.

Leider werden die meisten Zuschauer des Films denken, dass es hier in Hamburg nur dunkel und kalt ist und es immerzu regnet.

Ich habe aber ja auch keinen Film über Hamburg gemacht. Hamburg ist eine Figur im Film und hat eine spezielle Funktion. Wir mussten schließlich eine Atmosphäre schaffen, in die die Geschichte passt. Aber in meinen Interview spreche ich immer sehr positiv über Hamburg.

Vielen Dank für das Interview und für einen wundervollen Film.

 

Das Interview haben wir am 03.09.2014 in Hamburg im Rahmen der Deutschlandpremiere des Films A MOST WANTED MAN geführt. 

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