Filmfest Hamburg 2016 – Teil 3

Katerina Klausdottir, Mathias Wagner gefällt dieser Artikel

Heute mit SAMI BLOOD, THE MINE und ALLE FARBEN DES LEBENS. Was macht eigentlich das Besondere eines Filmfestes aus, werde ich immer mal wieder gefragt. Nun, es sind natürlich in erster Linie die Filme, die man nur auf Festivals sehen kann, weil sich einfach kein Verleih findet, der sie in die (deutschen) Kinos bringt. Aber es sind auch die Gespräche mit Freunden, Kollegen und anderen Filminteressierten, die Dich wiederum dazu bringen, den mit langer Hand vorbereiteteten Plan wieder umzustellen. Da gibt es dann diesen einen Film, der Dir mehrfach empfohlen wird. Dann gilt es, diesen irgendwie noch in den Sichtungsplan aufzunehmen. Das damit dann eine Kettenreaktion von Umplanungen einhergeht, ist dabei schon fast selbstverständlich. Manchmal entpuppen sich solche Empfehlungen dann tatsächlich als kleine Perlen, aber manchmal fragt man sich im Anschluss auch, was die empfehlende Person eigentlich in dem Film gesehen hat. Zum Glück ist die letztgenannte Variante in der Regel die Ausnahme.

Warum ich das erzähle? Weil der erste Film an diesem Tag genauso eine Empfehlung ist, die sich zum Glück als richtige Entscheidung entpuppt hat.

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Sami Blood

Schweden, Norwegen, Dänemark 2016 | 110 min | OmeU | Farbe

Regie: Amanda Kernell, Drehbuch: Amanda Kernell, Darsteller: Lene Cecilia Sparrok, Mia Erika Sparrok, Maj Doris Rimpi, Julius Fleischandrl, Olle Sarri, Hanna Alström, Malin Crépin, Andreas Kundler

Schweden in den 1930er Jahren. Das 14-jährige Sámi-Mädchen Elle Marja lebt mit den Eltern und der kleinen Schwester von der Rentierzucht. Im Zuge eines staatlichen „Kultivierungsprogramms“, das den nördlichsten Volksgruppen die schwedische Sprache und Kultur beibringen soll, kommt Elle Marja in ein Internat, viele Kilometer von ihrer Heimat entfernt. Dort wird das Mädchen unterrichtet und gefördert – und rassebiologischen Untersuchungen unterzogen. Zunehmend verleugnet Elle Marja ihre Sámi-Identität, die Herkunft wird ihr fremd und peinlich.

Ein Film, der ein unbekanntes Kapitel der schwedischen Geschichte beleuchtet und vor einer grandiosen Kulisse eindrucksvoll ins Bild setzt. SAMI BLOOD ist wunderbares Kino, das sich zu entdecken lohnt. Die Regisseurin Amanda Kernell findet für den unnötigen Hass gegenüber den Samen im Norden des Landes simple Bilder, die auf schlichte Art und Weise zeigen, wie falsch dieser ist. Und wenn wir uns die aktuelle Nachrichtenlage anschauen, dann könnte dieser Film kaum aktueller und universeller sein. (4,0/5)

 

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The Mine

Finnland 2016 | 93 min | OmeU | Farbe

Regie: Aleksi Salmenperä, Drehbuch: Pekko Pesonen, Darsteller: Joonas Saartamo, Jani Volanen, Peter Franzén, Saara Kotkaniemi, Elena Leeve, Leea Klemola

Jussi beginnt einen neuen Job in einer Umweltbehörde in Lappland und soll prüfen, ob die Auflagen beim Abbau eines Nickelvorkommens eingehalten werden. Hinter der Mine steckt ein mächtiger Bergbaukonzern mit dem charismatischen Pekka an der Spitze. Rasch merkt Jussi, dass die Dinge nicht sauber laufen. Genehmigungsverfahren werden verkürzt, Gutachten ignoriert, Gefälligkeiten verteilt. Pekka ist der Drahtzieher einer korrupten Verflechtung aus Wirtschaft und öffentlicher Hand – und Jussi wird ein Teil davon. Unter dem Druck, ein Projekt nicht zu gefährden, das von der Politik gewollt ist und viele Jobs bringt, verschließt er zunächst die Augen vor einem Ökodesaster, das sich abzeichnet. Doch wie lange kann er noch schweigen?

Diesen Film habe ich bereits beim Edinburgh International Film Festival verpasst. Selbstredend konnte ich mir die erneute Chance beim Filmfest Hamburg natürlich nicht entgehen lassen. Allerdings mit einem kleinen Manko. Einen stark dialoglastigen, finnischen Film in der zweiten Reihe zu sehen, ist wenig förderlich, denn dann sieht man außer den Untertiteln recht wenig vom Film. Daher ist meine Kritik ggf. mit Vorsicht zu genießen. Allerdings hat mir der Film trotzdem gefallen, zumal er zwei wichtige Themen aufgreift: Die Zerstörung der Umwelt durch profigierige Firmen, die mit Korruption und Schmiergeldern einhergeht. All das verpackt der Regisseur Aleksi Salmenperä in ein spannendes Drama, das sicherlich auch bildlich überzeugen kann. Wenn man eben nicht in der zweiten Reihe sitzt. (3,0/5)

 

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Alle Farben des Lebens

USA 2015 | 87 min | OF mit dt. UT | Farbe

Regie: Gaby Dellal, Drehbuch: Nikole Beckwith, Gaby Dellal, Darsteller: Naomi Watts, Elle Fanning, Susan Sarandon, Tate Donovan, Linda Emond, Sam Trammell, Jordan Carlos

Ray (Elle Fanning) lebt in einem Drei-Generationen-Haus in New York mit seiner Mutter Maggie (Naomi Watts) und der lesbischen Großmutter Dolly (Susan Sarandon). Der 16-Jährige wurde als Ramona geboren, wusste aber immer, dass er ein Junge ist. Jetzt will er endlich seine Identität annehmen und sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen. Maggie unterstützt ihn, Dolly kann sich aber nur schwer an die Vorstellung gewöhnen, einen Enkelsohn zu haben. Bleibt noch Vater Craig (Tate Donovan). Er hat die Familie verlassen, als Ray noch ein Kind war. Ohne seine Unterschrift kann die Behandlung nicht beginnen. Widerwillig muss sich Mona auf die Suche nach ihrem Ex machen, was nicht nur für sie weitere existentielle Veränderungen mit sich bringt.

Es ist immer schön, wenn der Abend mit einem schönen Film endet. THE GENERATION, so der Originaltitel, weiß mit einem eindrucksvollen Cast zu überzeugen. Naomi Watts, Susan Sarandon und Elle Fanning als Familie in einem (leicht chaotischen) Drei-Generationen-Haus haben alle das Herz am rechten Fleck und einen ausgeprägten Sinn für schrägen Humor. Man mag diesen Film dafür kritisieren, dass er – hollywoodtypisch – zu glatt gebügelt ist, aber das stört mich persönlich nicht, wenn ich dabei einfach eine gute Zeit habe und mich wohl fühle.

Außerdem nimmt der Film seine Figuren ernst und zeigt eindrucksvoll, wie man als Familie mit einem solchen „Problem“ umgehen kann. Auch die Besetzung von Elle Fanning haben einige meiner Kollegen kritisiert. „Warum konnte man nicht den Mut haben, und die Figur mit einem echten Transgender-Jungen besetzen“ war der häufigste Kritikpunkt, den ich zu hören bekam. Ehrlich gesagt wundert mich das, denn ich finde, dass Elle Fanning hier eine unfassbare Darstellung abliefert. Ich nehme ihr diese Rolle von der ersten bis zur letzten Minute komplett ab. Außerdem kritisiert man in einem Thriller ja auch nicht, wenn die Rolle des Mörders nicht in mit einem echten Mörder besetzt wurde.

Vielleicht traut sich der Film ja tatsächlich zu wenig zu und hätte ein wenig mehr Mut gebrauchen können. Aber vielleicht führt er dieses Thema auf diese leichte Art und Weise auch einem Publikum zu, die sich damit (noch) nicht auseinander gesetzt haben und es vielleicht auch niemals würden. Allein dafür gebührt diesem Film jeglicher Respekt. (4,0/5)

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