Die Top 40 Filme des Jahres 2015 – Teil 4

Alex Pätzke, Michael Scharf gefällt dieser Artikel

Wir sind am Ziel! Heute gibt es endlich meine zehn besten Filme des Jahres 2015. Ich habe durchaus schwer mit mir gerungen, denn das Filmjahr war einfach sensationell gut. Doch irgendwann standen sie fest und jetzt darf ich sie präsentieren. 

Es gibt allerdings einen Film, den ich im Oktober in London gesehen habe, der alles hier vertretene noch einmal um Längen hinter sich lässt. ROOM mit einer unfassbar guten Brie Larson hat mich auf voller Breitseite erwischt, wie sonst kein Film seit langer Zeit. Am 12. März 2016 kommt dieses Meisterwerk unter dem Titel RAUM in die deutschen Kinos. Daher zählt er für die Wertung leider zum Folgejahr, da ich hier ja ausschließlich Filme bewerte, die einen deutschen Kinostart in 2015 hatten. Ende des Jahres werden wir dann bei meiner nächsten Auswertung sehen, ob ROOM bis dahin meine Nummer 1 bleibt.

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Doch nun zu den besten Filmen des vergangenen Jahres:

75338_sw7_Hauptplakat_A1_02_rz.inddPlatz 10

Star Wars Episode VII – Das Erwachen der Macht
Was Meisterregisseur J.J. Abrams hier mit dem siebten Teil der Reihe vorlegt, ist schlichtweg das Beste, was STAR WARS passieren konnte. Ein perfekt ausbalanciertes Meisterwerk, das jeden Liebhaber der Reihe glücklich machen und selbst Nicht-Fans in Extase versetzen wird. Gleich zu Beginn setzt der Film Akzente und führt seine Hauptdarstellerin eindrucksvoll ein. Daisy Ridley ist in ihrer Rolle der Schrotthändlerin Rey der Glücksgriff des Films. Selten war eine weibliche Hauptrolle so passend besetzt, wie hier. Ridley nimmt den Zuschauer von der ersten Minute an in Beschlag und steigert ihre überwältigende Performance im Laufe des Filmes mehr und mehr. Während Lucas in den Episoden I bis III verstärkt auf Special Effects setzte und die Bilder dadurch klinisch tot wirkten, geht Abrams einen Schritt zurück. Echte Sets, wo immer das möglich war, geben dem Film eine gewisse Natürlichkeit, ja gar eine ganz spezielle Wärme. Hier hat sich jemand die größte Mühe gegeben und dabei offenbar keinerlei Kompromisse geduldet.

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Carol 14Platz 9

Carol
In einer Zeit, in der die gleichgeschlechtliche Liebe so verpönt war, dass es einer Frau das Sorgerecht für ihre Tochter kosten könnte, finden in CAROL zwei Frauen zueinander, die einfach zusammen gehören. Zwei betörend schöne Wesen, die sich ergänzen, ja sich gegenseitig vollenden. Cate Blanchett zeigt hier wieder einmal, dass sie nicht einmal ansatzweise in der Lage ist, einen schlechten Film zu drehen. Ein britischer Kritiker machte ihr vor Kurzem gar den Vorwurf, ob sie denn all ihren Schauspielerkolleginnen nicht wenigsten einmal den Hauch einer Chance geben könne, zu ihr aufzuschließen. In der Tat liegt er damit gar nicht mal so falsch, denn Blanchett liefert eine eindrucksvolle Performance nach der anderen ab. Doch wir wollen die Leistung Rooney Maras keinesfalls schmälern. Es hätte in diesem Film wohl keine bessere Besetzung geben können. Mara spielt die schüchterne Therese mit einer solchen Hingabe, dass man sich an Blanchetts Stelle einfach in sie verlieben muss. Regisseur Todd Haynes, der bisher mit Filme wie DEM HIMMEL SO FERN oder I’M NOT THERE in Erscheinung trat, legt mit CAROL einen solch wunderbaren Film vor, wie man ihn nur selten in den Kinos sieht.


 

Das brandneue Testament 16Platz 8

Das brandneue Testament
Wie geht man mit der Informationen um, wie lange man noch zu leben hat? Macht man so weiter wie bisher? Oder fängt man an, die noch verbleibende Zeit besser zu nutzen? DAS BRANDNEUE TESTAMENT stellt äußerst interessante Fragen und verpackt sie geschickt in eine äußerst schwarzhumorige Geschichte. Der belgische Regisseur Jack van Dormael, der uns bereits Meisterwerke wie MR. NOBODY mit Jared Leto brachte, macht mit seinem neuesten Werk einfach mal wieder alles richtig. Von der Besetzung über die Story bis hin zur Umsetzung, DAS BRANDNEUE TESTAMENT ist eine Komödie, die perfekter fast gar nicht sein kann. Benoît Poelvoorde in seiner Rolle als grantiger Gott ist eine wahre Offenbahrung, doch auch Pili Groyne als seine Tochter ist ein wahrer Glücksgriff für den Film. Gerade ihre Diskussion mit ihrem Halbbruder J.C. in Form einer Holzfigur zählt zu den besten Szenen des Films. DAS BRANDNEUE TESTAMENT macht verdammt viel Spaß und strapaziert die Lachmuskeln immer wieder aufs Neue, nur damit dem Zuschauer das Lachen gleich wieder im Halse stecken bleibt.

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Turbo Kid 09Platz 7

Turbo Kid
Yeah! Die 80er Jahre sind zurück. Wer erinnert sich nicht an die aus heutiger Sicht trashigen Action-Filme, die vor schlechten CGI-Tricks nur so strotzten, die wir aber trotzdem abgefeiert haben wie Meisterwerke? Für alle Liebhaber dieser Filme landete mit TURBO KID eine mehr als gelungene Hommage an die Trash-Filme der 80er Jahre in den deutschen Kinos. Und mit Michael Ironside konnte man sogar einen Star dieser Epoche gewinnen. Ich konnte den Film bereits im Juni beim Edinburgh International Filmfest bewundern. Obwohl ich ihn anfangs überhaupt nicht auf dem Radar hatte und ihn auch nur auf Anraten eines Kollegen gesichtet habe, zählte er dann durchaus mit zu den Highlights des Festivals und ist jetzt sogar in meinen Top 10 gelandet. Bei TURBO KID hat man durchweg das Gefühl, gerade eine VHS-Kassette eingelegt zu haben, die man vor der Rückgabe in der Videothek natürlich noch zurückspulen muss. TURBO KID ist eine ganz wunderbare Zeitreise für alle Kinder der 80er und diejenigen, die es noch werden wollen.

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Der Marsianer 16Platz 6

Der Marsianer – Rettet Mark Watney
Ohne Abstriche erzählt Ridley Scott seine Geschichte in eindrucksvollen Bildern und ohne diese gewissen Storyelemente, die in Filmen dieses Genres gerne mal für allgemeines Kopfschütteln sorgen. Man hat bei DER MARSIANER die ganze Zeit das Gefühl, dass die Geschichte zu jedem Zeitpunkt Hand und Fuß hat, sowie sachlich mehr als fundiert ist. Daher bezeichnet Scott das Genre auch ungern als Science-Fiction, sondern vielmehr als Science-Fact. Auch wenn wir bislang noch keinen Menschen auf den Mars entsandt haben, so wären wir rein theoretisch dazu in der Lage. In der Summe ist DER MARSIANER ganz großes Kino, wie man es nur auf der großen Leinwand erleben kann.

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CONT_Artwork.inddPlatz 5

Mad Max: Fury Road
Zugegeben, ich war extrem skeptisch, schließlich sollte der Film der Presse erst wenige Stunden (!) vor Filmstart gezeigt werden. Das deutet in der Regel darauf hin, dass ein Verleih mit einem Film unzufrieden ist und die negative Berichterstattung möglichst lange hinauszögern will. Doch weit gefehlt, denn George Miller gelingt es, dem Action-Genre einen komplett neuen Impuls zu geben. Die Stunts, die Special Effects und das Setting – alles sieht unfassbar gut aus. Mit übersättigten Gelbtönen am Tage und eiskalten Blautönen in der Nacht kreiert Miller eine Atmosphäre, die ihresgleichen sucht. Man merkt nur allzu deutlich, dass Miller auf all das zurückgreift, was ihm damals noch nicht zur Verfügung stand. MAD MAX: FURY ROAD ist einer der selten Fälle, in denen ein Regisseur zu seinen Anfängen zurückkehrt und dabei zusätzlich noch etwas schafft, dass das Genre nachhaltig verändert.

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Victoria 08Platz 4

Victoria
Gleich die allererste Szene stellt klar, um wen es hier geht: VICTORIA. Die Kamera klebt an ihrem Gesicht, während sie ausgelassen im Club tanzt. Jetzt sollte die Nacht eigentlich für sie zu Ende sein, doch es kommt alles anders, als erwartet. Genauso verhält es sich eigentlich auch mit dem deutschen Film. Immer wenn man denkt, dass es nichts neues, nichts innovatives mehr gibt, kommt ein Regisseur wie Sebastian Schipper daher und stellt die (Film-) Welt auf den Kopf. Das Besondere an diesem Film ist nämlich die Tatsache, dass er komplett an einem Stück gedreht wurde. Keine Schnitte stören den Verlauf des Filmes, aber das bedeutete auch, dass der Kameramann Sturla Branth Grøvlen die Kamera knappe zweieinhalb Stunden tragen musste. Alles musste perfekt vorbereitet sein, denn nur ein falsch geparktes Auto, ein falscher Schritt, und die ganze Aufnahme wäre umsonst gewesen. Drei Mal wurde der Film aufgenommen und aus dem zweiten Take wurde dann der Kinofilm. Allein aus technischer Sicht ist VICTORIA ein Meisterwerk. Doch Sebastian Schipper wäre kein guter Regisseur, wenn er nicht auch auf den Inhalt achten würde. Das wissen wir nicht erst, seitdem er mit ABSOLUTE GIGANTEN „den“ Hamburg-Film schlechthin gedreht hat. So erzählt dieser Film eine unglaublich intensive Geschichte, die nicht für alle Protagonisten gut endet. So, genau SO, sieht echtes Kino aus.

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Birdman 31Platz 3

Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)
Selten war ein Film so intelligent auf so vielen Ebenen wie BIRDMAN. Der Film wirkt, als wäre er aus einer einzigen Kamerafahrt entstanden. Kein sichtbarer Schnitt stört die fortlaufende Handlung. Ein Filmkenner erkennt natürlich die (wenigen) Momente, in denen „getrickst“ wurde, doch das tut nichts zur Sache. Technisch betrachtet zählt der Film zum Besten, was seit vielen Jahren auf der Leinwand zu sehen war. Doch auch inhaltlich weiß BIRDMAN zu überzeugen. Obwohl Michael Keaton in Interviews bislang immer das Gegenteil behauptet, sind hier deutliche Parallelen zu seinem Leben erkennbar. Auch Keaton war einst in der Rolle eines Superhelden zu sehen und als er sich weigerte, ein drittes Mal das Batman-Cape anzuziehen, versank er ein wenig in der Versenkung. Sicherlich war er hier und dort immer mal wieder zu sehen, auf die große Hauptrolle musste er jedoch weiter warten. Gleiches ist der Hauptfigur Riggan Thompson widerfahren. Nur die Namen sind geändert. Das verleiht BIRDMAN eine unglaubliche Doppeldeutigkeit, die weit über eine normale Komödie hinausgeht.

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Whiplash 24Platz 2

Whiplash
WHIPLASH ist einer dieser Filme, die im Kopf bleiben – und das aus vielerlei Gründen. Zuerst einmal wäre da die Performance von J.K. Simmons, den man bislang nur als ewigen Nebendarsteller kennt. Ob der Vater in JUNO, der Chefredakteur in der ersten SPIDERMAN-Reihe oder in der Krimi-Serie THE CLOSER. Gesehen hat den charismatischen Jonathan Kimble Simmons sicherlich jeder schon einmal. Aber wie sehr er sich hier ins Zeug gelegt hat und sich mit einer diabolischen Darstellung einen Golden Globe erspielt hat, ist schlichtweg beeindruckend.

Dann spielt natürlich auch Miles Teller eine Rolle – sogar im doppelten Sinn. Alle Drum-Parts hat er selbst eingespielt, schließlich spielt er Schlagzeug, seit der 15 ist. Allerdings kommt er aus der Rock-Schiene und musste sich mit täglich vier Stunden Üben erst einmal auf das völlig andere Spiel eines Jazzdrummers einlassen.

In WHIPLASH geht es in erster Linie darum, wie viel ein Mensch bereit ist, für seinen Traum einer Karriere zu geben, bzw. worauf er bereit ist, zu verzichten. Chazelle urteilt mit seinem Film nicht, sondern lässt den Zuschauer entscheiden, ob die Opfer, die Miles Teller in seiner Rolle bringt, gerechtfertigt sind. Das muss am Ende des Tages jeder für sich selbst entscheiden. Aber jeder, der auch nur die geringste Leidenschaft für irgendetwas hat – sei es die Musik oder etwas völlig anderes – kann sich mit der Hauptperson in WHIPLASH identifizieren und seine Beweggründe zumindest nachvollziehen.

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Familienbande 11Platz 1

Familienbande
Es gibt sie tatsächlich immer noch, die kleinen Filme, die sofort und ohne Umwege das Herz des Zuschauers berühren. FAMILIENBANDE ist genau so ein Film und wenn wir einmal für einen Moment die großen Blockbuster wie DIE TRIBUTE VON PANEM oder SPECTRE vergessen, dann sind es genau diese Filme, die wichtig sind, ja die uns menschlich nach vorne bringen.

Bereits im Juni hatte ich die große Ehre, diesen Film im Rahmen des Edinburgh International Film Festivals zu sehen. Ohne große Erwartungen betrat ich die Vorstellung und war bereits von der ersten Minute an total geflasht. Für sein Regiedebut hat Mark Noonan eine wundervolle Bildsprache gefunden und genau dort gedreht, wo sich der Blick eines Kinogängers nur selten hin verirrt: die irischen Midlands. Es gibt dort nicht wirklich etwas zu sehen, aber ich wollte, dass dieses Gebiet im Landesinnern zwischen Dublin und der Westküste einmal in einem Film zu sehen ist, verriet uns der Regisseur im Interview.

YOU’RE UGLY TOO, wie der Film im Original heißt, erzählt dabei die Geschichte zweier Aussenseiter, die genau wissen, dass der andere die jeweils letzte Hoffnung auf so etwas wie Familie ist. Trotzdem sind sie aber nicht in der Lage, sich gegenseitig etwas Nettes zu sagen. Stattdessen hagelt es Schimpfwörter und Frötzeleien. Die Gründe für das Verhalten sind unterschiedlich. Während Will ein Geheimnis umgibt, wegen dem er im Gefängnis saß und das auch seine Nichte Stacy betrifft, hat sie vermutlich Angst, erneut zu einem Menschen eine Verbindung aufzubauen. Schließlich wurde sie bislang von all denen verlassen, die sie offenbar geliebt hat.

Noonan findet für seine Beziehungsproblem die ideale Umgebung. Keine imposante Küstenlandschaft Irlands lenkt von den innerlichen Problemen seiner Protagonisten ab. Der Film konzentriert sich einzig und allein auf seine Darsteller und überzeugt damit in jedweder Hinsicht.

FAMILIENBANDE ist für mich einer der wunderschönsten Filme des Jahres. Ein Film, der definitiv auf die große Leinwand gehört und der unbedingt von ganz vielen Menschen gesehen werden muss.

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