Andrew Scott – Ein Unauffälliger unter Auffälligen

Mathias Wagner gefällt dieser Artikel

Am 30.10.2014 startet der wunderbare Film PRIDE in den deutschen Kinos (lesen Sie hier unsere Kritik). Bereits vier Wochen zuvor der Film das Filmfest Hamburg eröffnet. Wir haben uns am Tag danach mit dem 1976 in Dublin geborenen Hauptdarsteller Andrew Scott (im Bild rechts) getroffen und mit ihm gesprochen. 

Vorweg erst einmal recht vielen Dank für diesen wundervollen Film, der mich wirklich zutiefst berührt hat. An welcher Stelle des Entstehungsprozesses sind Sie an Bord des Projekts gekommen?

Ich habe Matthew Warchus, unseren Regisseur getroffen und wir haben über die Figur des Gethin geredet. Ich fand das Script war sehr schön und zu diesem Zeitpunkt waren Imelda Staunton und Bill Bighy bereits an Bord. Ich sprach mit Matthew darüber, Gethin lieber als introvertierte Person zu spielen und nicht wie all die anderen Charaktere, die ich in letzter Zeit gespielt habe. Ich mochte seine ruhige Natur und wollte es von dieser Seite angehen.

Gab es irgendetwas Bestimmtes im Script, durch das Sie diese Rolle unbedingt spielen wollten?

Ich glaube in erster Linie ist die Geschichte an sich außergewöhnlich. Ich habe davon zuvor noch nie etwas gehört, aber mir gefiel die Botschaft des Films, in der es um Solidarität und Güte geht. Wir sollten viel mehr nach den Dingen suchen, die uns verbinden, anstatt nach denen, die uns trennen. Außerdem war die Geschichte sehr lustig und extrem bewegend und ich wusste, dass das viele gute Schauspieler anziehen würde, weil die Rollen so gut geschrieben waren. Matthew Warchus ist ein brillianter Theaterregisseur und er versteht etwas vom Schauspiel. Zudem hatte ich mich in die Rolle verliebt, da Gethin sehr individuell ist. Er ist ein Unauffälliger in einer Gruppe von auffälligen Menschen.

War Gethin schon immer die Rolle, die Sie spielen wollten oder hätten Sie vielleicht lieber eine andere Rolle im Film übernommen?

Nein, es war schon die Rolle des Gethin, die mir gefallen hat, da sie sehr filmisch ist. Er spricht nicht viel, stattdessen kommt es mehr auf sein Gesicht an, das die entscheidenden Hinweise darüber gibt, was die Figur denkt oder sagen will.

Basiert Gethin auf einer realen Person und hatten Sie die Möglichkeit, ihn zu treffen?

Ja, es gibt einen echten Gethin, aber seine Geschichte ist ein klein wenig anders. Es war ganz fantastisch, sich mit ihm und seiner Mutter zu treffen. Er ist ein echt cooler Typ. Es gibt übrigens auch eine echte schwule Buchhandlung in Bloomsbury, die fast genauso aussieht. Das Team hat sie im Film wirklich ganz toll nachgebaut.

Der Film spart die dunkleren Kapitel aus, wie z.B. Aids oder dass Ihre Figur im Film zusammengeschlagen wird. Es wird lediglich erwähnt, aber eben nicht gezeigt. Was war Ihrer Meinung nach der Grund dafür?

Ich glaube, das geschah nur aus dramaturgischen Gründen. Ohne jetzt zu viel von der Geschichte verraten zu wollen – das sollten wir nämlich vermeiden – ist das wahrscheinlich nur ein Mittel, um die Spannung zu halten. Es geschieht etwas Schlimmes und man wechselt genau in dem Moment zu einem anderen Handlungsstrang. Zudem ist PRIDE auch weniger ein Problemfilm, sondern vielmehr ein Film über die Menschlichkeit. Ich glaube auch nicht, dass die Aids-Problematik ausgespart wurde. Zu der Zeit war Aids auf eine sehr finstere und heimtückische Art und Weise präsent und genauso ist es auch im Film.

Ist während des Drehs irgendetwas Außergewöhnliches passiert, gibt es irgendwelche Anekdoten?

Oh, da gibt es so viele, denn in Bezug darauf war der Dreh wirklich außergewöhnlich. Es waren so viele von uns beteiligt und es war wiklich ungewöhnlich, dass jeden Tag 15 bis 20 Schauspieler am Set waren. Dadurch war der Dreh schon mal sehr lustig, denn es war wichtig für den Film, dass wir alle gut miteinander klar kommen. Also gab es wirklich viel Gelächter und Gespräche und eben eine wundervolle Atmosphäre am Set.

Sie spielen auch viel Theater. Können Sie sagen, was Ihnen mehr Spaß bereitet?

Ich habe immer beides getan und mag auch beides sehr gerne. Daher habe ich diesbezüglich auch keine Vorliebe. Ich mache einfach immer das, was gerade anliegt, ob es nun ein Theaterstück oder ein Film ist. Ich habe jetzt gerade ein Stück gespielt, also werde ich als Nächstes vielleicht wieder einen Film drehen. Für mich arbeiten beide Bereiche Hand in Hand und sind sich sehr ähnlich – wobei das Theater schon ziemlich ermüdend ist.

Neben PRIDE haben Sie auch in Ken Loachs JIMMY’S HALL gespielt. Beide Filme sind sehr politisch aber sie nähern sich ihrem Thema auf sehr unterschiedliche Weise. Bevorzugen Sie eine der beiden Vorgehensweisen?

Ken Loach ist ein Held von mir und ich liebe das, was er zu sagen hat, bzw. zu sagen versucht. Ich mag Filme, die eine Art von Zündstoff haben, was aber nicht bedeutet, dass ich das immer in meiner Arbeit zu erreichen versuche. Ich versuche es manchmal und viele meiner Theaterrollen spiele ich auch am Royal Court Theater in London, das auch sehr politisch ist. Ich mag Stoffe, die herausfordernd sind und auch mal schwierige Fragen stellen. Allerdings mag ich auch Komödien und habe mit FRANKENSTEIN gerade meine erste Studioproduktion für 20th Century Fox gedreht und ein wenig an ALICE THROUGH THE LOOKING GLASS für Disney gearbeitet. Insofern habe ich eigentlich keine Präferenzen, aber es war durchaus interessant, fast parallel an PRIDE und JIMMY’S HALL zu arbeiten, da beide diese soziale Komponente gemein haben.

Sie haben außerdem Professor Moriarty in SHERLOCK gespielt. Wie sehr hat es Ihnen gefallen, einmal den Bösewicht zu spielen?

Oh, das habe ich wirklich geliebt. Das ist eine außergewöhnliche Rolle und eine ziemlich bekannte Figur und ich bin begeistert, sie spielen zu dürfen. Die Rolle ist so brilliant geschrieben und genau danach suche ich in meiner Arbeit. Egal ob es um eine soziale Botschaft, eine Komödie, eien Farce oder eine Tragödie geht – so lange die Geschichte gut geschrieben ist und diesen Kern hat, bin ich glücklich. SHERLOCK ist einfach so gut geschrieben, dass mir die Rolle unheimlich viel Spaß bereitet.

Als ich mir Ihre Biographie angeschaut habe, war ich erstaunt, mit wem Sie bereits alles gespielt haben. Obwohl es nicht so aussieht, ist noch irgendjemand übrig, mit dem Sie gerne einmal spielen würden?

(lacht) Vielleicht nicht so sehr spezielle Rollen, aber ich würde gerne einmal ein wenig Shakespeare spielen, etwas mehr Komödien, vielleicht auch einmal eine romantische Komödie, die auf einer Beziehung basiert. Aber wie ich bereits sagte, wenn die Geschichte gut geschrieben ist, bin ich dabei.

Gibt es denn spezielle Schauspielerinnen oder Schauspieler mit denen Sie gerne einmal arbeiten würden?

Ja, natürlich, da gibt es so viele! Ich versuche gerade, an irgendwen zu denken, aber mir fällt niemand ein. Das ist der Vorteil daran, Schauspieler zu sein. Du bist in der Lage, mit all diesen tollen Schauspielern zu arbeiten, aber natürlich fällt Dir kein einziger ein, wenn Du danach gefragt wirst. Aber es gibt wirtlich noch viele, mit denen ich liebend gerne arbeiten würde.

Da durch SHERLOCK mehr und mehr Menschen Sie kennen, die sonst nicht ins Theater gehen, ändert das die Art und Weise, wie Sie Ihre Rollen auswählen?

Gerade weil Sherlock so ein episches Profil aufweist und die Figuren sehr ausgeprägt und individuell sind, habe ich danach besonders nach Rollen gesucht, die sich davon unterscheiden, so wie eben Gethin in PRIDE. Rollen die nicht so bösartig sind, sondern menschlicher. Ich liebe den Stil von SHERLOCK, der sehr theatralisch ist, aber genau deshalb versuche ich mich danach einem anderen Genre, einem anderen Ton zuzuwenden.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

In den letzten anderthalb Jahren habe ich sechs Filme gedreht, daher genieße ich es aktuell, nicht zu schauspielern. Manchmal muss man seine Batterie wieder aufladen, um nicht zynisch zu werden.

Was war Ihre erste Reaktion, als Sie erfahren haben, dass PRIDE das Filmfest Hamburg eröffnen wird?

Ich habe mich wirklich gefreut. Gestern Abend war die Eröffenungsgala und es war wirklich toll! Wir haben uns sehr gefreut, so viele Menschen aus Hamburg zu treffen. Wir sind mit dem Film um die ganze Welt gereist, waren in Toronto, in Cannes, in New York und in Los Angeles – all diese wunderbaren Orte. Für einen Film wie PRIDE ist es sehr wichtig, dass er dieses internationale Publikum bekommt, denn es ist ein Film über die Meschlichkeit – auch wenn es „nur“ um einen kleinen Moment der Geschichte der Schwulen und der Minenarbeiter geht. Das ist der Grund, warum ich nach Hamburg, aber auch in viele andere europäische Städte mit diesem Film gekommen bin. Das ist uns allen sehr wichtig, denn der Film spricht zu einem internationalen Publikum und kann uns zeigen, dass wir – egal ob wir in verschiedenen Kulturen in unterschiedlichen Teilen der Welt leben – mehr gemeinsam haben, als wir manchmal denken.

Werden Sie die Gelegenheit haben, noch weitere Filme auf dem Filmfest Hamburg zu sehen?

Ich befürchte nicht, da wir bereits heute Nachmittag zurückfliegen werden. Ich habe mir gestern das Programm angesehen und glaube, dass es hier viele fantastische Filme zu sehen gibt, aber leider müssen wir wieder zurück.

Hatten Sie denn die Möglichkeit, sich ein wenig in Hamburg umzuschauen?

Ja, wir sind ein wenig herumgefahren und ich finde, dass die Architektur hier wirklich wunderschön ist. Ich hätte gerne mehr gesehen, aber vielleicht kann ich das beim nächsten Film nachholen.

Vielen Dank für das Interview.

 

Das Interview haben wir am 27.09.2014 im Rahmen des Filmfest Hamburg geführt.

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